Zur Frage der »Heiligen Nächte« – 12 oder 13 oder ...?

Liebe Freunde,
noch innerhalb des Weihnachtsfestkreises sollen Euch mit diesen Blättern wie versprochen meine Recherchen und eigenen Gedanken zu dem genannten Thema in schriftlicher Form erreichen.

In kleinem Kreise hatten wir in der Weihnachtszeit 2012/13 (das ist jetzt wirklich Zufall!) die Frage bewegt, ob es denn nun zwölf oder dreizehn der sogenannten heiligen Nächte" gibt. Man hört und liest nämlich beides: Zwar ist überwiegend von 12 Nächten die Rede (häufig genug unspezifisch, wenn man lediglich die Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig/Epiphanias meint, wie z.B. obiges Gedicht von Schütze), doch werden manchmal auch 13 genannt, oder man spricht von 12, meint aber 13 usw. So gab es z.B. auch dieses Mal hier im Unterlengenhardter Paracelsus-Krankenhaus ein Programm für die 12 Heiligen Nächte", tatsächlich waren es jedoch 13 Veranstaltungen. Aus Ottersberg hörte man (und konnte es im Internet nachlesen), dass die dortigen Zweige der Anthroposophischen Gesellschaft zur gleichen Zeit eine Vortragsreihe Tierkreisbilder und Märchen in den dreizehn Heiligen Nächten" durchführten. Zu Weihnachten hatten wir hier die beiden kleinen Anthologien von Martin Sandkühler (Hrsg.): Das Wunder der Christnacht und Die Zwölf Heiligen Nächte" (Vlg. Urachhaus) und Isabel Anderson (Hrsg.): Die zwölf heiligen Nächte (Vlg. für Anthroposophie, früher Goetheanum Vlg.) zur Hand, die schon im Titel deutlich machen, dass sie von 12 Nächten ausgehen. Andererseits fanden wir in dem von Detlef Sixel herausgegebenen Buch Festeszeiten im Jahreslauf" (Goetheanum Vlg. 1993) den von Walter Johannes Stein im Jahre 1931 in Arlesheim gehaltenen Vortrag Die dreizehn heiligen Nächte", und Sixel selbst schreibt in seinem eigenen Beitrag Advent und Weihnachten": Diese [die Sonne] spiegelt sich in dem Zeitraum zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. In jenen zwölf Tagen oder dreizehn Nächten ..." (Er rechnet also den Epiphaniastag nicht mehr zu den heiligen"; Rudolf Steiner aber sprach wiederholt von 13 Tagen, siehe unten). Der Jahreswechsel zwischen der Heiligen Nacht und dem Dreikönigstag wird mit dem Sylvesterfest gefeiert. Es liegt fast in der Mitte der dreizehn heiligen Nächte ..."

Auch die weitere Weihnachtslektüre brachte Widersprüchliches: Camille Schneider in seinem Buch über den Weihnachtsbaum (Goetheanum Vlg. 1965) und Arthur Schult in Zeit und Ewigkeit im Jahreskreis" (Turm Vlg. 1987) sprechen von 12 Nächten. Für Georg Kühlewind jedoch (Weihnachten", Vlg. Freies Geistesleben 1999) liegen zwischen Weihnachten und Epiphania die 13 heiligen Tage und Nächte, in denen die empfangende Seelenbereitschaft dem niedersteigenden göttlichen Wort entgegengeht."

Friedrich Rittelmeyer lässt in seiner Erzählung Zwölf heilige Nächte" einen Mann zwischen Heiligabend und Dreikönigstag (also doch die 13 Nächte!) jeweils besondere Träume erleben; geschildert werden allerdings nur sieben (in: Das Heilige Jahr", Vlg. Urachhaus 1950).

Günther Fried vertritt in seinem Artikel Vom Begehen des Weihnachtsfestes" (Die Christengemeinschaft Nr. 11/12, 1949) klar die These von den zwölf Nächten - und findet nebenbei diese glückliche Formulierung: Die zwölf Nächte sind die Fontanelle des Jahres." Dagegen zeigt sich Berthold Wulf in seinem Artikel Die heiligen Nächte" (Die Christengemeinschaft Nr. 1, 1958) etwas unbestimmt und schwankend (legt sich auch im Titel nicht fest): Wie entstehen nun die zwölf heiligen Tage und Nächte? ... Zwischen Sonnen- und Mondenumlauf besteht eine Differenz von zwölf Tagen. Zwölf Tage und dreizehn Nächte ungefähr sind außerhalb eines Rhythmus' zu denken, dessen Wirksamkeit von Sonne und Mond bestimmt sind. ... Die zwölf Tage und dreizehn Nächte sind sozusagen außerhalb von Sonnen- und Mondenwirksamkeit. ... Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit.' Dieses Wort könnte an der Pforte der Ewigkeit stehen und an der Pforte der 13 Winternächte." (Die Formulierung von der Fontanelle des Jahres" findet sich übrigens auch bei ihm, leider ohne Bezugnahme auf den neun Jahre früheren Artikel von Fried in derselben Zeitschrift). Auch bei Wilhelm Hoerner: Die zwölf Heiligen Nächte" (Die Christengemeinschaft Nr. 1, 1996) zeigt sich eine gewisse Verlegenheit, insofern er zwar wiederholt die zwölf Nächte und dreizehn Tage" nennt, dann aber schreibt: Lassen wir den Tag am Vorabend beginnen, also aus der Nacht hervorgehen, so ergeben sich 13 Nächte." So ist es in der Tat. Ergänzendes findet sich in seinem Buch Zeit und Rhythmus" (Vlg. Urachhaus 1991). Die weit verbreitete, vom Verlag Freies Geistesleben herausgegebene Zeitschrift "atempo“ vermerkt seit Jahren in ihrem Kalendarium unter dem 24. Dezember: "Beginn der 13 Heiligen Nächte.“

Noch ein Blick ins Internet: Gibt man bei AnthroWiki (also dem Versuch eines anthroposophischen Wikipedia") den Begriff Heilige Nächte" ein, macht man die sonderbare Erfahrung, dass es dafür keinen eigenen Eintrag gibt, sondern dass man zum (für die Betreiber offenbar wichtigeren) Artikel Raunächte" weitergeleitet wird, welcher zudem erstaunliche Unklarheiten und Unsicherheit offenbart: Als Raunächte (auch Rauhnächte oder Rauchnächte) oder Weihnächte werden gemeinhin die Zwölf Heiligen Nächte (auch Zwölfte oder Glöckelnächte) zwischen dem 25. Dezember (Christtag) und dem 6. Januar (Dreikönig bzw. Epiphanias) bezeichnet", um dann reichlich indifferent zu schließen: Zählt man auch den 24. Dezember dazu, den Heiligen Abend, der zugleich der Adam-und-Eva-Tag ist, wo wir der Vertreibung aus dem Paradies gedenken, ergeben sich Dreizehn Heilige Nächte." In der Tat. (Die in altem, eher heidnisch geprägtem Volksglauben und Brauchtum verwurzelten Rauhnächte" mit ihrer Vorstellung von der Wilden Jagd" usw. sind, abgesehen von dem großen geistigen Rangunterschied, auch kalendarisch nicht völlig identisch mit den heiligen Nächten"; je nach Gegend kann auch die Nacht der Wintersonnenwende, also 21./22. Dezember, eine solche Rauhnacht sein, oder nur einzelne Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig, insbesondere die Nacht zum 6. Januar, die sogenannte Perchten-Nacht". Näheres im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens unter Rauhnächte" sowie bei Georg von Gynz-Rekowski: Der Festkreis des Jahres, Berlin 1981. - Aber das ist ein anderes Thema).

Auf der Frage- und Antwortplattform "www.cosmiq.de" bekam jemand auf die Frage "was sind die 13 heiligen nächte im anthroposophischen sinn / rudolf steiner" zur Antwort: In der Nacht vom 24. auf den 25.Dezember beginnen die 13 Heiligen Nächte. Sie verbinden das alte mit dem neuen Jahr. Über den Zeitraum zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag hat sich vielerlei Volksglauben erhalten. Diese Zeit kann aber auch Anlass sein, geistige Kräfte für das neue Jahr zu sammeln und einen Ruhepunkt zwischen den Jahren zu bilden."

Ich weiß, dass manche von Euch schon lange ungeduldig sind, doch wollte ich all das Vorstehende, eher Sekundäre zuerst abhandeln (mit einer Ausnahme, diese später), bevor ich mit Euch zu der Frage komme: Was hat eigentlich Rudolf Steiner zu diesem Thema gesagt? Und hier wird es aus mehreren Gründen interessant. Der Reihe nach: Am 21. 12. 1911 hält Rudolf Steiner in Berlin zwar nicht seinen ersten Weihnachtsvortrag, kommt aber zum ersten Mal auf die Zeit der (von ihm als erstem so genannten?) heiligen Nächte" zu sprechen, mit klarer Betonung von deren zwölf, die er in allgemeiner Weise in Bezug setzt zu den zwölf universellen Kräften des Kosmos", das heißt zum Tierkreis:

Aber, wie um sich vertiefen zu können in die zwölf universellen Kräfte des Kosmos, stehen die zwölf heiligen Nächte da zwischen dem Christfest und dem Fest, das am 6. Januar gefeiert sein sollte, das jetzt das Fest der Heiligen Drei Könige ist ... Wieder ... stehen sie da, diese zwölf heiligen Nächte, wie aus den verborgenen weisen Seelentiefen der Menschheit festgesetzt, wie wenn sie sagen wollten: Empfindet alle Tiefe des Christfestes, aber versenkt euch dann während der zwölf heiligen Nächte in die heiligsten Geheimnisse des Kosmos! ... Denn nur, wenn die Menschheit den Willen haben wird ..., sich inspirieren zu lassen von jener Weisheit, welche in die zwölf Kräfte, in die zwölf heiligen Kräfte des Universums dringt, die symbolisch dargestellt sind in den zwölf Zeichen des Tierkreises ..., wird sie ... die Inspiration finden, die da kommen kann von dem Jesu-Geburtsfest ..." (Berlin, 21. 12. 1911, Weihnachten, ein Inspirationsfest, in: GA 127, Die Mission der neuen Geistesoffenbarung)

Ich stelle mir nun vor, dass es aus der Umgebung Steiners, etwa von Marie, Nachfragen gegeben hat, ob denn dann die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember, welche man allgemein als die Heilige Nacht bezeichnet, nicht dazu gehöre, was ja wohl seine Schwierigkeit habe? Und so stand Steiner nicht an, nur 5 Tage später, auf derselben Vortragsreise, in Hannover Folgendes vorzutragen:

"Schauen kann in dieser Zeit der dreizehn Tage und der dreizehn Nächte* der Sehergeist, was alles über den Menschen deshalb kommen muss, weil dieser Mensch jene Erdeninkarnationen durchgemacht hat, die, so wie sie sind, durch die Kräfte des Luzifer vom Beginn des Erdenwerdens bis in unsere Zeit geworden sind. Was über den Menschen in der geistigen Welt an Kamalokaleiden dadurch kommen muss, daß Luzifer an ihn herantrat, seitdem der Mensch auf der Erde inkarniert wurde, das ist am deutlichsten in den großen, gewaltigen Imaginationen zu schauen, welche der Seele entgegentreten können in jenen dreizehn Tagen und Nächten zwischen dem Weihnachtsfest und dem Feste des 6. Januar, der Erscheinung Christi. ... Es ist merkwürdig, wie überall dahin, wo in den christlichen Jahrhunderten die Möglichkeit geistigen Schauens in richtigem Sinn drang, auch dieser merkwürdige Zusammenhang drang von dem Schauen der Seherseele in den dreizehn Nächten, in der eigentlichen Winterwendezeit. Man lernte aus gar mancher Seherseele kennen, die entweder geschult war in den Mysterien der neuen Zeit oder die ererbte Seherkräfte noch hatte, man lernte sehen, wie in der finstersten Winterwendezeit die Seele alles das schauen kann, was der Mensch durchzumachen hat durch seine Entfernung von dem Christus-Geist, und wie diesem Menschen die Ausgleichung werden kann, die Katharsis dadurch, dass das Mysterium der Johannestaufe im Jordan und dann das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat, und wie gekrönt sind die Visionen der Seher in den dreizehn Nächten mit dem 6. Januar durch die Imagination des Christus. So ist es richtig, den 6. Januar als den Geburtstag des Christus anzusetzen, richtig, diese dreizehn Nächte als jene die Menschenseelen-Seherschaft repräsentierende Zeit anzusetzen, wo man alles wahrnimmt, was der Mensch durchmachen muss durch das Leben in den Inkarnationen von Adam und Eva bis zu dem Mysterium von Golgatha. In ganz wunderbarer schöner Weise erzählt uns jene Legende, wie Olaf Åsteson gleichsam durch natürliche Kräfte eingeweiht wird, indem er am Weihnachtsabend einschläft, durch die dreizehn Tage bis zum 6. Januar schläft und alle die Schauer dessen durchmacht, was der Mensch durchleben muss durch die Inkarnationen vom Erdenbeginn bis zum Mysterium von Golgatha." (Hannover, 26.12.1911, in: GA 127, Die Mission der neuen Geistesoffenbarung)

Der Geistesforscher Rudolf Steiner war also so frei, eine vorherige, noch ganz aktuelle Aussage, die er dann wohl selbst als noch zu wenig durchdacht und ausgereift empfand, nach kürzester Zeit zu korrigieren. Nicht unsympathisch! (Übrigens ist da auch keine Rede mehr vom Tierkreis. - Ob es wohl Diskussionen zwischen Berlin und Hannover gegeben hat? Er hat ganz klar zwölf gesagt!" - Nein, der Doktor sprach eindeutig von dreizehn! Und von heilig war nicht die Rede!"). Auf jeden Fall hinterließ Rudolf Steiner zunächst in beiden Städten Menschen mit je unterschiedlichen Auffassungen, wie viele Tage und Nächte zwischen Weihnachten und Epiphanias man als heilig" (bzw. ob überhaupt heilig) zu betrachten habe.

Doch schon wenige Tage später, immer noch auf der gleichen Vortragsreise, wiederholte Steiner wiederum in Hannover, nun im Zusammenhang mit dem Thema des Olaf Åsteson, seine Rede von den 13 Nächten:

"Ja, das klingt an vieles an, was an ähnlichen Visionen innerhalb germanischer Völker immer gelebt hat, was viele Menschen im Grunde genommen hellsichtig geschaut haben in der Zeit der dreizehn Nächte vom Weihnachtsabend bis zum Erscheinungsfeste Christi, dem 6. Januar. Da kann die menschliche Seele hineinschauen in die geistige Welt und sieht da das Schicksal der Menschenseele im entkörperten Zustande. ... Von diesem [Olaf Ästeson] wird erzählt, dass er während dieser dreizehn Nächte in einer Art hellsichtiger Erfahrung dasjenige durchmachte, was der nordische Mensch in seiner Art als Vision empfinden kann." (Hannover, 1. 1. 1912, in: GA 158, Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt)

Ein Jahr später, am 1. 1. 1913, äußerte er sich im gleichen Sinne in Köln in der Ansprache zur Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Und wiederum eine Woche später konnte er endlich auch vor dem Berliner Publikum seine über ein Jahr zurückliegenden etwas voreiligen Bemerkungen zu den 12 heiligen Nächten" korrigieren:

"Die Zeit von Weihnachten bis etwa [!] in unsere Tage herein ist tatsächlich eine wichtige, eine bedeutungsvolle Zeit des Jahres, auch in okkulter Beziehung. Man nennt sie die Zeit der dreizehn Tage. Und das Merkwürdige ist, dass diese Zeit der dreizehn Tage in ihrer Wichtigkeit von denjenigen Menschen empfunden wird, welche ihrer ganzen Seelenveranlagung nach noch etwas zurückbehalten haben von dem alten Zusammenhange der Menschenseele mit der geistigen Welt, von dem wir oft gesprochen haben." (Berlin, 7. 1. 1913, in: GA 158, Einleitung zum Mitgliedervortag)

Im von Steiner inaugurierten Kalender von 1912/13, also ein Jahr nach den oben zitierten Vorträgen, findet sich für den 24.(!) 12. der von ihm formulierte Eintrag:

Fest des Weihnachtsabends (Beginn der 13 Tage, die mystischer Vertiefung besonders fruchtbar sind und am 6. Januar endigen).

Er hätte natürlich auch die so sich ergebenden 13 Nächte nennen können, doch legte er nunmehr ebenso auffallend wie sinnvoll die Betonung auf die Tage. Jedenfalls bedeutet dies seine unausgesprochene, jedoch eindeutige Distanzierung von seiner früheren Aussage von 12 Nächten.

Zwei Jahre später spricht Steiner nochmals, wiederum im Zusammenhang mit Olaf Åsteson, über den in Frage stehenden Zeitraum, und zwar einigermaßen unbestimmt, oder sagen wir freilassend:

[Über Olaf Åsteson, der] in eine Art von Schlaf verfiel, welcher dreizehn Tage dauerte: Die heiligen dreizehn Tage, die wir ja bei verschiedenen unserer Betrachtungen kennengelernt haben." - Und die nordische Legende ... berichtet uns von den Erlebnissen, die Olaf Åsteson hatte zwischen der Weihnachts- und Neujahrszeit bis zum 6. Januar." - "Die Zeit, in welcher das geringste Maß von Eindrücken aus dem Makrokosmos zur Erde kommt, die Zeit von Weihnachten bis über das Neujahr hinaus, ungefähr [!] bis zum 6. Januar, ist wohl geeignet, dass man sich nicht nur erinnere an das Gegenständliche der geistigen Erkenntnis, sondern an die Empfindungen, die wir in uns entwickeln müssen durch das Aufnehmen der Geisteswissenschaft. Wahrhaft leben wir uns also wieder hinein in den Erdgeist, mit dem wir zusammen doch eine Ganzheit bilden, und mit dem lebte das alte, hellseherische Erkennen, wie es uns etwa in dieser Legende von Olaf Åsteson dargestellt ist." (Dornach, 31. 12. 1914, Das Traumlied vom Olaf Åsteson, in: GA 275, Kunst im Lichte der Mysterienweisheit)

Auch bei diesem Thema des Olaf Åsteson setzt sich die Unbestimmtheit der Bezeichnungen (12 oder 13 Tage oder Nächte) fort, z.B. in den Anthologien von Anderson und Sandkühler, die erklärtermaßen die 12 Nächte propagieren und beide je eine Übersetzung des Åsteson bringen. Über das norwegische Traumlied vom Olaf Åsteson sprach Rudolf Steiner am 1. Januar 1912, am 7. Januar 1913 und am 31. Dezember 1914.

Übersetzung von Ingeborg Möller (von Rudolf Steiner rhythmisiert), im Vortrag 31.12.1914, siehe oben:

Er ging zur Ruh' am Weihnachtsabend.
Ein starker Schlaf umfing ihn bald,
Und nicht konnt' er erwachen,
Bevor am dreizehnten Tag
Das Volk zur Kirche ging.

Übersetzung von Erich Trummler 1927, abgedruckt in Isabel Anderson:

Er legte sich nieder zur Weihenacht,
Und starker Schlaf ihn umfing.
Wachte nicht auf vorm dreizehnten Tag,
Da's Volk zur Kirche hinging.

Übersetzung von Dan Lindholm (Neuausgabe im Verlag Urachhaus ):

Zur Weihenacht er legt sich hin,
ihn starker Schlaf umfing.
Wachte erst auf am dreizehnten Tag,
das Volk schon zur Kirche ging.

Unklarheit herrscht darüber, ob Åsteson nun 12 oder 13 Nächte schläft, d.h. ob er in der Nacht des 24./25. oder des 25./26. einschläft, und dies hängt wiederum damit zusammen, wann der Weihnachtsabend" bzw. die Weihenacht" anzusetzen sind. Es sollte jedoch keinen Zweifel darüber geben, dass es sich nur um die Nacht vom 24. auf den 25. handeln kann, denn Åsteson wacht am 13. Tag, dem Epiphaniastag, am 6. Januar auf. Das heißt aber, dass er am ersten Weihnachtstag bereits geschlafen hat und folglich am Abend zuvor, zur Weihenacht" oder auch am Weihnachtsabend", was hier nur dasselbe bedeuten kann, eingeschlafen ist.** Jörgen Smit hat das auch in dankenswerter Deutlichkeit gesagt:

Olaf Åsteson: Nach der Darstellung Rudolf Steiners ist das ein Name, in dem hindurchtönt als Eingeweihtenname dieses jungen Menschen, der durch diese Einweihung geht, durch die dreizehn Nächte von Weihnachtsabend bis zum 6. Januar. ... Und die hellste Aufwachenszeit des Erdgeistes, das ist gerade die Zeit der dreizehn Nächte, vom Weihnachtsabend hin bis zum 6. Januar. ... Er geht schlafend hinein in dieses, und schläft 13 Tage und 13 Nächte und erwacht erst am 13. Tag, am 6. Januar ..." (Jörgen Smit: Der nordische Einweihungsweg im Traumlied des Olaf Åsteson. Nicht durchgesehene Nachschrift des Vortrags (Nr. 4730), gehalten am 30. Dezember 1987 im Rahmen der Weihnachtstagung, Goetheanum, Dornach; www.joergensmit.org/de)

Und nun zu der oben erwähnten Ausnahme. Es gibt da nämlich ein Buch, das ich bisher nicht den Drang hatte kennenzulernen, das ich aber für die vorliegende Untersuchung doch wahrnehmen musste: Sergej Prokofieff, Die zwölf heiligen Nächte und die geistigen Hierarchien" (Goetheanum Verlag 1986; inzwischen 8. Auflage 2013). In diesem für mich fast unlesbaren, sprachlich hochgerüsteten Buch (Gleich zwei majestätischen Säulen erheben sich die zwei winterlichen Feste von Weihnachten und Epiphanias in dem Tempel des Jahres ..." usw.) will der Autor eine Beschreibung des Weges geben, der durch die zwölf Regionen des Tierkreises zur bewussten Vereinigung mit dem hierarchischen Kosmos führt."

Als erstes weist ihre Anzahl, Zwölf - von der Bedeutung der dreizehnten Nacht wird an entsprechender Stelle gesprochen werden -, auf ihren Zusammenhang mit dem Jahreskreislauf im ganzen hin und durch ihn mit dem unsere Erde umgebenden Kosmos. Wir können auch sagen: Die kosmischen Mächte, welche den Gang des Jahres der Reihe nach im Lauf der zwölf Monate lenken, wirken einmal im Jahr, in der Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Januar, so, daß die zwischen ihnen liegenden Tage und Nächte ihrem geistigen Gehalt nach gleichsam zu einem konzentrierten Abbild jener Kräfte werden, die den Jahreskreislauf aus dem Makrokosmos heraus gestalten. Rudolf Steiner nennt diese Kräfte: »Die zwölf heiligen Kräfte des Universums ... , die symbolisch dargestellt sind in den zwölf Zeichen des Tierkreises« oder »die zwölf universellen Kräfte des Kosmos« und er weist darauf hin, daß »die zwölf heiligen Nächte dastehen zwischen dem Christfest und dem Fest, das am 6. Januar gefeiert sein sollte«, um sich in diese Kräfte zu versenken (21. 12. 1911)."

Auf diese, nicht unmittelbar zu unserem Kosmos gehörenden Sphären weist bei der Taufe die Stimme aus dem Himmel: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeugt.» Wie ein entferntes Echo dringt in diesen wenigen Worten die Kunde aus Weltbereichen zu uns, die jenseits des Tierkreises liegen. Deshalb können wir gerade diese Worte auf den inneren Gehalt der letzten, dreizehnten heiligen Nacht am Vorabend - okkult betrachtet jedoch am Tag [was meint hier okkult betrachtet"?] - von Epiphanias, dem Fest der Geburt des Christus im irdischen Leib des Jesus, beziehen. Und so haben wir mit Epiphanias gleichsam die abschließende Stufe, eine Art Summe des ganzen Weges, der im Lauf der zwölf heiligen Nächte, und ganz besonders der zwei letzten, gegangen werden kann."

Konfusion auch hier: zunächst ist von den 12 Nächten die Rede, die zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar liegen, dann ist plötzlich die Nacht auf den 6. Januar die 13. Nacht (und es ist allgemeiner Konsens, auch bei den Verfechtern der 12 Nächte, dass diese Nacht auf jeden Fall zu den heiligen Nächten" gehört); folglich müssen die vorausgehenden zwölf also doch mit jener vom 24. auf den 25. beginnen! Hier hat der Autor ganz einfach den Überblick verloren. Es ist eben ganz verfehlt, wenn man wie in diesem Fall nur eine einzige Aussage Steiners, und zwar die (kurz danach korrigierte) früheste, dogmatisch festzementiert und die anderen, späteren, dabei bewusst unterschlägt (genau so meine ich es; denn Prokofieff dürfte mit der beste Kenner des Werkes Rudolf Steiners sein, die Zahl der zitierten Stellen in seinem Buch ist Legion, und selbstverständlich kannte er den Vortrag vom 26. 12. 1911 im gleichen GA-Band, die Ausführungen zu Olaf Åsteson sowie den Kalender von 1912/13). Es ist dies eine klare Verfälschung des von Rudolf Steiner zu dem Thema letztlich wirklich Gemeinten und im Ganzen Ausgesagten. Und das Ganze nur, weil man auf einseitige Weise unbedingt am Bezug zum Tierkreis festhalten und dies verabsolutieren will, dazu noch die Hierarchien, und am Ende verheddert man sich in einem heillosen und verstiegenen, allem wirklich lebensvollen Empfinden und Denken entfremdeten Schematismus, der niemandem hilft.

Rückblickend lässt sich feststellen, dass es, von Rudolf Steiner angefangen, in der anthroposophischen Literatur durchgehend (erstaunlicherweise bis heute) Differenzen über die Anzahl der heiligen Nächte bzw. Tage gibt, nämlich 12 oder 13, und dass ferner die Meinungen darüber auseinandergehen, ob (bei Vertretern der 12 Nächte) die Nacht auf den 25. Dezember dazugehört, dann entfiele jene auf den 6. Januar, oder, wie meistens, umgekehrt erstere nicht, jedoch letztere; die Vertreter der 13 Nächte haben damit allerdings kein Problem. Immerhin sprechen die meisten von 13 heiligen Tagen, manche aber halten noch an 12 heiligen Tagen fest und zählen somit seltsamerweise das Epiphaniasfest nicht mehr dazu. Oder man ist sich selbst nicht im Klaren und widerspricht sich innerhalb des eigenen Artikels oder Buches.




Zum Schluss möchte ich deshalb die Frage aufwerfen, wie wichtig es denn wirklich ist, ob wir es mit 12 oder 13 heiligen" Tagen oder Nächten zu tun haben? Hat sich denn der Kosmos verändert, als die alte Kirche im 4. Jahrhundert das Fest der Geburt Jesu (das es in den ersten drei christlichen Jahrhunderten gar nicht gab) auf den 25. Dezember, der von der heidnischen römischen Umwelt als Fest des Sonnengottes Sol invictus bzw. als Geburtstag des Mithras begangen wurde, und das Epiphaniasfest (Anbetung der Weisen sowie Taufe Jesu, auch Hochzeit zu Kana; in der hellenistischen Antike Fest des aus der Jungfrau geborenen" Aion, der Personifikation des Zeitenkreises) auf den 6. Januar festlegte? Wir dürfen ja nicht vergessen, dass dies von Menschen gemachte Kalenderdaten sind, wenn auch sehr weisheitsvoll gesetzt. Auch wenn es Euch jetzt etwas salopp vorkommt: ich glaube nicht, dass es da irgendwo einen Schalter gibt mit heilig an" genau am 24. (oder wie manche meinen am 25.) Dezember und heilig aus" akkurat am 6. Januar (oder schon am 5.). Sind die kosmischen Rhythmen auf der nördlichen Erdhalbkugel im Jahreslauf, in welche der christliche Jahresfestkreis von den Führern der frühen Kirche weisheitsvoll eingefügt wurde, nicht ein sehr lebendiges, sich Tag für Tag unmerklich veränderndes Geschehen? Und dies hat doch auch seine Entsprechung im Seelenleben der Menschen. Beginnt nicht, wenn man es recht tut, eine von religiöser Stimmung getragene Verinnerlichung bereits mindestens am 1. Advent (in Schweden kennt man zwölf heilige Nächte" vom Lucia-Tag, dem 13. Dezember also, bis zum Heiligen Abend), wenn man etwa auch die Symbolik des wöchentlich wachsenden Lichtes des Adventskranzes zu Hilfe nimmt, auch die guten echten, von Erwartung des Erlösers erfüllten Adventslieder kennt (selber singt oder wenigstens abspielt), und sich von dem heute allzu aufdringlichen Weihnachtsmarkt-Tingeltangel fernhält? Sich nicht von der Weihnachts"-Hektik der Umgebung anstecken, gar fortreißen lässt? Spürt man dann nicht doch ab der Wintersonnenwende am 21./22. Dezember, der längsten Nacht des Jahres, eine weitere Intensivierung des kosmisch-seelischen Webens, das sich dann fortsetzt bis etwa zum Epiphaniastag, danach aber wegen der deutlichen Zunahme des Lichtes spürbar abklingt?

In dieser Zeitspanne, diesen ausgesparten Nächten," wie es in dem schönen Gedicht von Alfred Schütze heißt (das die Zwölf Nächte" ja ganz unspezifisch nur im Titel führt; es ist übrigens in keiner der anfangs genannten Anthologien enthalten; ich fand es in seinem Gedichtband Alles ist Saat," Vlg. Urachhaus 1963), oder der Fontanelle des Jahres," oder wie Rudolf Steiner am 21. 12. 1911 es ganz allgemein ausdrückte: Da, wo der Mensch sich am meisten sammeln kann, wo die Sonne am wenigsten leuchtet und den Erdball wärmt, wo der Mensch nicht mit der Bestellung der äußeren Angelegenheiten beschäftigt ist, da, wo die Tage am kürzesten, die Nächte am längsten sind, wo alle Gelegenheit auf der Erde so ist, dass sich der Mensch am besten sammeln kann, am besten in sich selber gehen kann, da, wo sich ihm aller äußere Glanz, alle äußere Schönheit für eine Weile dem Blick entzieht..." - und so, wie oben beispielhaft beschrieben, innerlich vorbereitet, mag sich jener geheimnisvolle kosmisch-seelisch-geistige Prozess vollziehen, der die Bezeichnung der heiligen" Nächte und Tage rechtfertigen kann. Heilig" sind diese nur, wenn wir sie durch eine entsprechende seelische und geistige Haltung selbst heiligen - ob es sich nun um deren 12 oder 13, 14 oder 17 handelt, in denen aber ein Stern an deinem Firmament" aufgehen und leuchten kann.


Mit herzlichem Gruß! Michael Ladwein


Bad Liebenzell-Unterlengenhardt, zum Fest Mariä Reinigung / Lichtmess" 2013 durchgesehen zu Lichtmeß 2014; erneut überarbeitet an Weihnachten 2014



Aktueller Nachtrag Dezember 2014: In einem Inserat im Goetheanum" Nr. 49/5. Dezember 2014 wird eine Veranstaltung der Zeitschrift Der Europäer" angekündigt: Weihnachten und die 12 Heiligen Nächte. Der Heilige Abend eröffnet die Reihe der 12 Heiligen Nächte." Es folgt ein Hinweis auf den Tierkreis. In einem weiteren Inserat im Goetheanum" Nr. 51-52, 19. Dezember 2014, lädt die Casa Andrea Cristoforo in Ascona zu einem Weihnachtsaufenthalt ein unter dem Titel 12 Heilige Nächte" - vom 22.(!) 12. 2014 bis 6. 1. 2015 - o wie lieb ist uns doch die selbstauferlegte einfältige Beschränkung ...

*Das hier schon vermiedene Wort heilig" als Kennzeichnung dieser Nächte wird er nun mit einer Ausnahme im Zusammenhang mit Olaf Åsteson nicht mehr verwenden.

** Hier möchte ich ganz allgemein zu bedenken geben, dass in früheren Zeiten der Tag als Kalendertag vielfach, je nach Kulturkreis und Weltgegend (eine ganz einheitliche Linie gab es nicht) mit dem Vorabend begann, man denke an den jüdischen Sabbat, dass man also den Tag aus der Nacht hervorgehen" ließ, wie W. Hoerner richtig sagte (ich habe das in meinem Prag-Buch bei der Behandlung der dortigen Rathausuhr ausführlich abgehandelt). Es ist mithin das Natürlichste, den Weihnachtstag mit der Heiligen Nacht" davor beginnen zu lassen, in welcher man seit altersher die Mitternachtsmette feiert, zum Gedenken an die Geburt Jesu (wir sprechen hier übrigens immer nur von einem Jesus, und das ist hier der nathanische bzw. lukanische), und warum soll ausgerechnet diese keine heilige" Nacht sein?

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