Georg Gimpl: Weil der Boden selbst hier brennt

Der Salon der Berta Fanta und seine Bedeutung für die Wirksamkeit Rudolf Steiners in Prag

Georg Gimpl: Weil der Boden selbst hier brennt. Aus dem Prager Salon der Berta Fanta (1865-1918). 432 S., Abb., mit Bildbeilage (teilweise Farbabb.). €19,90 Vitalis Verlag Prag und Furth im Wald. ISBN 3-934774-97-0
In: Das Goetheanum, 6/2002

Das Prag des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts war, mit den Worten des Autors des vorliegenden Buches, bekanntlich "ein ganz besonderes Pflaster im Herzen Europas". Dieses Mit- und Gegeneinander der tschechischen, deutschen und (deutsch-) jüdischen Bevölkerungskreise hat bedeutende Kulturleistungen hervorgebracht und ist oft genug beschrieben worden. Der in Finnland lehrende österreichische Germanist Georg Gimpl hat nun in einem deutschsprachigen Prager Verlag eine eingehende Untersuchung eines zentralen Kapitels dieses Phänomens deutsch-jüdische Prager Kultur um 1900" vorgelegt: es geht um den Salon der Berta Fanta (1865 - 1918), der zu ihrer Zeit ein Mittelpunkt des geistigen Prag war (siehe zur Ergänzung des hier Ausgeführten auch Amnon Reuveni, Berta Fanta zu ihrem 75. Todestag", Das Goetheanum Nr. 50/1993). Der Titel des Buches gibt übrigens eine - im nachhinein betrachtet: prophetische - Zeile aus einem Berta Fanta gewidmeten Gedicht Max Brods wieder, eines der häufigen Gäste dort.

Ein großer Teil des Buches besteht aus dem Tagebuch der Berta Fanta und den Erinnerungen ihrer Tochter Else Bergman (Lebensgeschichte") sowie weiteren Dokumenten, die fast alle zum ersten Mal abgedruckt sind und aus den Archiven von New York (Leo Baeck Institute) und Prag, Jerusalem und Dornach ans Licht gebracht wurden.

Das Leben der aus reicher, aufgeklärter, um Assimilation bemühter deutsch-jüdischer Familie stammenden Berta Fanta (geb. Sohr) war gekennzeichnet durch ein vielfältiges, immer reges geistiges Streben. Diese Geistsuche musste sich früh gegen äußere Widerstände durchsetzen: In unserem ganz von schärfstem Atheismus durchwehten Haus gab es keinen trauten stillen Gemütswinkel ... Dubois-Reymonds Ignorabimus peitschte mit brutaler Gewalt jede Hoffnung des suchenden Menschengeistes nieder: krieche im Staub und bilde dir ja nicht ein, dich je aus ihm erheben zu können, das war das Gefühl, das mein Herz damals mit größter Bitterkeit erfüllte, und doch lebte im tiefsten Grund meiner Seele der heilige Wille, den geistigen Urgrund allen Seins nicht zu verleugnen. Die Zusammengehörigkeit mit ihm war sicherer Besitz meines Seins (Selbstbiographie").

Waren zunächst Schopenhauer, Wagner und vor allem Nietzsche ihre Leitsterne, so wandte sie sich bald der Philosophie Franz Brentanos zu, welcher zwar nicht mehr selbst in Prag lebte, der jedoch nach wie vor der spiritus rector der Philosophischen Fakultät der deutschen Universität war. Längst war ja die alte Karlsuniversität in einen tschechischen und einen deutschen Zweig geteilt und wurde nun, wie das kulturelle Leben Prags überhaupt, in einer Form doppelter nationaler Buchführung" (Gimpl) weitergeführt. In ihrer weitläufigen Wohnung im Haus Zum Einhorn am Altstädter Ring, das sie als Mitgift in die Ehe mit Max Fanta eingebracht hatte (dieser betrieb dort im Erdgeschoß die Apotheke Zum Einhorn"), unterhielt sie einen philosophischen Salon, der dann später zeitweilig in einen Nebenraum des Cafe Louvre verlegt wurde. Hier wurde Brentanismus" gepflegt. Dann aber rief ihr Schwiegersohn Hugo Bergman in ihrer Wohnung einen anderen philosophischen, wahrhaft in wörtlichem Sinne zu verstehenden Arbeitskreis ins Leben. Hier wurde, zeitweilig unter Beteiligung später so illustrer Namen wie Max Brod, Franz Kafka und Albert Einstein Kants Kritik der reinen Vernunft", Fichtes Wissenschaftslehre" und Hegels Phänomenologie des Geistes", die Philosophie des Deutschen Idealismus also, ernsthaft durchgearbeitet.

Berta Fanta, die selbstverständlich auch an diesen Abenden mit regem Interesse dabei war, wurde später von Max Brod so charakterisiert: Immer lebte sie gleichsam in einer erhöhten Temperatur des Erfahren-Wollens, des Ausfragens, der Sehnsucht, des Angeregtseins, des Zweifelns. ..das ganze Sein dieses Menschen ist Forschen, seine bloße Existenz schon bedeutet Streben nach Erkenntnis. Ihrem Tagebuch aber, das oftmals resignative Züge offenbart, vertraute sie an, dass ihr geistiges Sehnen doch noch weiter geht: Aus Sehnsucht nach ästhetischem Empfinden dringe ich mit heißem Bemühen, leider aber schwachem Erfolge, in die Geheimnisse der Weltgesetze ein. Ich will dieses Kunstwerk Welt verstehen lernen, in seinen Hauptgedanken, seinem wunderbaren Formenreichtum, seinem unendlich reichen Gedankenzierat.... Wie ein Verschmachtender in der Wüste nach wirklichem Naß sich sehnt, so dränge ich mich zu jeder Geistesquelle .... unbefriedigtes Sehnen nach etwas wahr und sicher Erwünschtem, nach dem Erstrebenswerten ..... ich fühle, wie mein eingeengtes Ich sich streckt und reckt, um sich völlig zu entwickeln. Ich glaube in solchen Stunden, dass ich einer mir den richtigen Weg zum Gipfel meiner mir zugemessenen Lebensempfindung zeigenden inneren Stimme folge ...

Hier zeigt sich eine innerlich äußerst regsame, geistig strebende Persönlichkeit, ohne alles Blaustrümpfige, die der Begegnung mit Rudolf Steiner (im Jahre 1907) förmlich entgegenwächst. Auch diese neue Phase durchlebt sie wiederum gemeinsam mit ihrer ihr in enger Seelen- und Geistesfreundschaft verbundenen Schwester Ida Freund. Aufgrund ihrer exponierten Stellung im kulturellen Prag vermochten die Beiden die öffentliche Aufmerksamkeit für die Auftritte Rudolf Steiners enorm zu steigern, insofern nämlich, wie Berta Fantas Tochter Else in ihrer Familiengeschichte" schrieb, eigentlich das geistige deutsche Prag ständig an den Geistesentwicklungen der beiden Schwestern teilnahm. .... Rudolf Steiners Vorträge rührten den großen literarisch-philosophischen Kreis auf und in den saalartigen Räumen meines Elternhauses wurde die Gründung einer neuen anthroposophischen Gesellschaft [Bolzano - Zweig. M. L.] gefeiert ... Wir alle standen unter dem Zauber der Persönlichkeit Steiners und bemühten uns, jeder nach seiner Art und Fähigkeit, den schweren Anforderungen, die seine Lehren stellten, zu genügen. Die Vorträge Steiners waren überfüllt und alle Geistigen waren von den neuartigen Anregungen elektrisiert. Ich erinnere mich, während der Vorträge beobachtet zu haben, wie die Augen von Franz Kafka blitzten und leuchteten und ein erfreutes Lächeln sein Gesicht erhellte.

Ida Freund hat sich dann, anders als ihre Schwester, gänzlich mit der Anthroposophie verbunden, lebte eine Zeit lang in Dornach und wurde Mitbegründerin der Prager Christengemeinschaft. Berta Fanta aber, obwohl Zweigleiterin, blieb schwankend. In seinem Nachruf auf sie schrieb ihr Schwiegersohn Hugo Bergman: Wieviel, Mama, haben wir zusammen in der Theosophie erlebt! Erst habe ich Dich ausgelacht, dann hast Du mich hinübergezogen, dann gingen wir eine Zeitlang zusammen und ich verteidigte die alte Anschauung gegen Deinen werdenden Skeptizismus. Dann erlebten wir zusammen Logenabende in Berlin, wie viel gab es da zu diskutieren, wie sehr kränktest Du Dich darüber, dass die Steineranhänger nicht genug intelligent sind, dass das gegen ihn spräche. Sie selbst hatte ihre Vorbehalte gegen die Mitglieder, denen sie sich als studierte" Philosophin wohl zurecht intellektuell weit überlegen fühlte, in einem Brief an Rudolf Steiner vom 9. 1. 1914 selbst vorgetragen. Sie wirft ihnen vor, sie seien intellektuell so beschaffen ... dass man ihnen nur dogmatisch vortragen kann ... Als ich ihnen Gelegenheit bot, die Philosophie der Freiheit sachlich durchzunehmen, blieben sie aus.

Ihre letzte Lebensphase war gekennzeichnet durch die immer stärkere Hinwendung zum Zionismus, dessen Prager Leitfiguren ihre Tochter und ihr Schwiegersohn waren. In gleichem Maße jedoch, in dem sie selbst sich von der Anthroposophie zurückzog, wandten diese sich derselben zu. Hugo Bergman, von Rudolf Steiner persönlich in seinem zionistischen Engagement bestärkt, hielt noch 1961 als Rektor der Universität Jerusalem dort anlässlich des 100. Geburtstages Steiners einen nach wie vor sehr lesenswerten Vortrag Rudolf Steiner als Philosoph" (abgedruckt in Die Drei 1/1962). Man kann in diesem Buch übrigens auch, diese kleine Abschweifung sei aus aktuellem Anlaß erlaubt, das ernüchterte Eingeständnis des greisen einstigen glühenden Zionisten lesen: Als wir ins Land kamen, haben wir gehofft, dass unsere jüdischen und menschlichen Ideen es uns ermöglichen werden, in Erez Israel eine Gesellschaft von zwei Völkern zu begründen, die der ganzen Menschheit als Muster dienen wird. Zu diesem Zwecke sind wir ins Land gekommen. Wir haben nicht erreicht, was wir erträumt haben (Hugo Bergman 1974). Freilich hatte ihm sein Schwager Otto Fanta bereits 1935 geschrieben: ... ich habe Recht behalten, dass die Juden in Palästina auch nicht besser und anders sich verhalten werden als andere Völker in ihren Ländern.

Als Berta Fanta in einem Brief an Hugo Bergman ausrief: Ich kann Dir gar nicht sagen, wie unaussprechlich zuwider mir unsere Gesellschaftsordnung ist. Mir ist, als ginge ich über Sümpfe, in die ich ganz zu versinken glaube. Sollte da eine Rettung möglich sein?" - da hatte sie sich von der Anthroposophie bereits wieder weitgehend ab- und dem von H. Bergman vehement propagierten Zionismus zugewandt . Sie wollte tatsächlich ihr Prager reiches Leben aufgeben und nach Palästina gehen, um sich als Köchin (!) nützlich machen. Sie übte sich eifrig darin - zu eifrig: beim Teigrühren erlag sie einem Schlaganfall. Das Schicksal hatte eine deutliche Sprache gesprochen: sie gehörte nun einmal nach Prag, nach Mitteleuropa. Tragisch ist es zu denken, wie sie mit ihrer Erkenntnis der Erneuerungsbedürftigkeit der Gesellschaftsordnung in neuer Weise für Rudolf Steiner, und zwar dessen Dreigliederungsimpuls hätte wirken können. Wo sie geistig wirklich hingehörte, erkannte sie offenbar erst nachtodlich, wie aus einem Brief ihrer Schwester Ida Freund an Hugo Bergman aus Dornach 1921 hervorgeht: Erschütternd war es für mich, wie stark ich die Anwesenheit unserer Teuern dort erfühlen konnte, und noch erschütternder, wie Dr. Steiner mir die Bestätigung dieser Realität gab."

Für die wahrhaft philosophische Lebenseinstellung dieser bis zuletzt um wirkliche Geisterkenntnis ringenden Persönlichkeit fand Felix Weltsch in seinem Nachruf auf Berta Fanta wohl die treffendsten Worte: Frau Berta Fanta hat ihr ganzes Leben lang unverbrüchlich gestrebt, den Geist zu finden - und ihn auf Erden zu verwirklichen. Sie hat nichts so sehr geliebt wie die Wahrheit und die Erkenntnis, und sie war in ihrem Handeln von nichts anderem bestimmt als von dem Willen, jedes Mal das Gute zu tun."

Sie selbst fasste es rückblickend in die Verse:

Unentwegt hab ich gesonnen
Über Menschen, Sein und Welt,
Neue Deutung mir gewonnen,
Die mir Sinn und Geist erhellt.

Georg Gimpl, der ein begnadeter Forscher, freilich kein Meister der Sprache ist, gebührt das nicht hoch genug zu schätzende Verdienst, die Familiengeschichte der hundertfünfzigprozentigen deutschkulturellen und deutschliberalen Fantas" ausgiebig dargestellt und bedeutende Originaldokumente zugänglich gemacht, damit aber auch einen wesentlichen Zug der geistigen Physiognomie des Prag vergangener Tage vor dem Vergessen bewahrt zu haben. Vielleicht gedenken in Zukunft, durch die Lektüre dieses Buches angeregt, ein paar mehr stille Wanderer durch das heute von einem besinnungslosen Massentourismus durchtobte Prag vor dem Haus Zum Einhorn am Altstädter Ring, im innersten Zentrum also, des einst hier stattgehabten reichen geistigen Lebens - als einem bedeutenden Kapitel mitteleuropäischer Kultur.

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