Edouard Schuré - eine biographische Skizze

In: NOVALIS 1 und 2 / 2004

Am 21. Januar 1841 wurde Edouard Schuré als Sohn eines Arztes in Straßburg geboren. Straßburg war damals noch eine weitgehend mittelalterliche, alemannisch-deutsche Stadt, neben Nürn-berg der Inbegriff reichsunmittelbarer Städteherrlichkeit im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Hier hatten zumindest zeitweise der Mystiker Tauler, Herder, Goethe - der hier an dem die Stadt beherrschenden mächtigen Münster die Gotik neu ent-deckte und damit die Gotik- und Mittelalterschwärmerei der Ro-mantik entfachte, wovon z. B. die Beschreibungen des Münsters von Friedrich Schlegel, Clemens Brentano und Friedrich Schinkel beredtes Zeugnis ablegen -, ferner Jung-Stilling, Lenz und Görres gelebt und gewirkt. Und noch wenige Jahre vor Schurés Geburt hatte hier der im Exil lebende Dichter Georg Büchner seine Erzählung über den unglücklichen Dichter Lenz verfaßt.

Der Urgroßvater Schurés war aus Norddeutschland eingewan-dert und trug noch den Namen Schürer. Die ersten prägenden Kunsteindrücke des zweisprachig aufwachsenden Edouard waren die von der Mutter am Klavier gesungenen deutschen Lieder und die Fresken zu Motiven aus Schwarzwaldsagen in der Trinkhalle von Baden-Baden, die ihm der Vater zeigte. Zu Hause wurden gleichermaßen Goethe und Schiller wie Chateaubriand, Lamar-tine, George Sand und Victor Hugo gelesen. Dieses Land zweier Kulturen mit der fruchtbaren Spannung, die deren Durchdringung mit sich brachte, war nur noch der ähnlich gelagerten Situa-tion in Prag am östlichen Rand des deutschen Sprachgebiets ver-gleichbar. Erst in dieser Zeit, der Jugendzeit Schurés, gewann das Französische im Elsaß und damit auch auf Schuré mehr und mehr Einfluß. »Schuré ist ohne Zweifel der erste elsässische Schriftstel-ler von einigem Rang, für den das Französische eine Sache ent-schlossener Wahl war.«* (M. PAUL IMBS: »Les Lettres en Alsace«, Strasbourg 1969, zit. n. ALAIN MERCIER: »Edouard Schuré et le renouveau idéaliste en Europe«, Paris 1980). Diese entschlossene Hinwendung des Deutsch-Elsässers Schuré zum Französischen prägte mit all ihren Licht- und Schattenseiten seinem Leben die Signatur auf.

Neben dem vom Vater gewünschten ungeliebten Jura-Studium hört er zwei Jahre lang die Vorlesungen des deutschen Germani-stikprofessors Albert Grün, der hier wie so viele andere nach der gescheiterten Revolution von 1848 ein Exil gefunden hatte. In in-tensivem Eigenstudium erarbeitet er sich von der »Edda « bis zum »Jungen Deutschland« eine gründliche Kenntnis der deutschen Literatur. Darüber hinaus liest er im Alter von zwanzig Jahren aber auch bereits Friedrich Creuzers »Mythologie« sowie die »Bhagavadgita« und das »Ramayana«. Nach dem Studium reist der Dreiundzwanzigjährige für zwei Jahre nach Deutschland, um Land und Kultur zu studieren. Erste Station ist Bonn, von wo er an seine Verlobte von Land und Menschen begeisterte Briefe schreibt. Die sechzigjährige Frau Naumann, in deren Salon er ver-kehrt, erzählt ihm von den Brüdern Schlegel und Humboldt und anderen ihrer Gäste. Während er die Universität Bonn im Herbst wieder verläßt, zieht dort ein junger Student der klassischen Phi-lologie ein, der nur wenige Jahre später eine bedeutsame Rolle in seinem Leben spielen wird: Friedrich Nietzsche. In Heidelberg lernt er den dort lehrenden David Friedrich Strauß kennen, der ihn u. a. auf Renan und Taine hinweist, die er bis dahin so gut wie nicht kannte. In München, seiner nächsten Station, interessieren Schuré weniger die Universität als vielmehr die Museen und Theater. Es gehört zu den erstaunlichen Zeichen in Schurés Le-ben, daß er noch am Ankunftstag im Hotel eine offenbar wohl-feile Karte für die Premiere von Tristan und Isolde des umstrittenen zeitgenössischen Komponisten Richard Wagner angeboten be-kommt und annimmt. Er ist von diesem Bühnenwerk so ergrif-fen, daß er Richard Wagner in einem Brief seine Verehrung aus-spricht. Der in der damals schwierigen Situation mit Zuspruch nicht verwöhnte Meister zeigt den Brief sogleich dem König mit der Bemerkung, noch sei nicht alles verloren, und lädt Schuré zu sich ein. Bald darauf nimmt er als eine von insgesamt nur zehn Personen an einem von König Ludwig Il. veranstalteten Privatis-simum zu Ehren des Tristan-Darstellers Schnorr von Carolsfeld teil, wobei Wagner seine eigene Musik dirigiert. Damit begann eine nicht unproblematische, aber äußerst fruchtbare Freund-schaft mit Richard Wagner, in deren Verlauf Schuré noch weitere für ihn lebensentscheidende Bekanntschaften machen sollte. Der entscheidende Abschnitt aus Schurés 1893 erschienenen Erin-nerungen an Richard Wagner ist fast wörtlich in M. G. Conrads Roman »Majestät« (Berlin 1900) über Richard Wagner und Ludwig Il. übernommen, Schuré wird dort von Wagner als »Fahnenjunker des Wagnertums in Frankreich« tituliert.

Im Winter 1865/66 reist Schuré über Nürnberg, den Harz und Rügen nach Berlin. Hier freundet er sich mit Adolf Stahr an, der ihm von seiner Bekanntschaft mit Bettina von Arnim und seinen Briefpartnern Renan und Taine erzählt haben dürfte, und mit dessen Frau Fanny Lewald, der »deutschen George Sand«. Im Reichstag erlebt er eine Rede des ihn abstoßenden Bismarck und bekommt eine Vorahnung von der bedrohlichen Rolle des preußischen Imperialismus. 1867 läßt sich Schuré in Paris nieder. 1868 erscheint sein Erstlingswerk: »Histoire du Lied ou la chanson po-pulaire en Allemagne «, eine Geschichte des deutschen Volkslieds. Dieses literarische Debut verschafft ihm Ansehen und den Eintritt in die geistige Welt von Paris. Die deutsche Übersetzung dieses Buches (von Adolf Stahr) macht ihn ab 1870 auch in Deutschland bekannt. Er hält weiterhin mit Wagner Kontakt und wohnt in den folgenden Jahren den Münchner Aufführungen der Meistersinger und des Rheingold bei. Dort vertieft er sich auch in die Kunst-schätze der Pinakothek und der Glyptothek, wo ihn vor allem eine ägyptische Isis-Statue aus schwarzem Marmor beeindruckt. Sie regt ihn zu seinem späteren Drama »Die Isispriesterin« an. In Wagner bewundert er »eines dieser schöpferischen, erneuernden und nicht reflektierenden Genies «, den »fanatischsten Idealisten«, der es versteht, »in großartigen, stark charakterisierten Wesen die großen Seiten der menschlichen Natur zu symbolisieren«. Schuré beabsichtigt, ein Buch über Richard Wagner zu schreiben, in dem er dessen bis dahin weitgehend mißverstandenes Werk in der ihm einzig richtig erscheinenden Weise würdigen will, näm-lich im großen geistesgeschichtlichen Zusammenhang als erneu-ertes Mysteriendrama. Einen Reflex dieser Einschätzung gibt die Tagebuchnotiz Cosima Wagners vom 7. Oktober 1869 über ein Gespräch mit Schuré wieder: »Das Theater seines [Wagners] Gedankens ist ein Tempel, und das jetzige Theater eine Jahrmarkts-bude, er redet die Sprache des Priesters, und Krämer sollen ihn verstehen. «

Aber auch in Paris macht der junge Privatgelehrte wichtige Bekanntschaften. Besonders ehrenhaft ist eine Einladung zum Diner bei dem greisen Historiker Jules Michelet, wo er die beiden neben Michelet berühmtesten Gelehrten Frankreichs zu Tischnachbarn hat, von denen er in Deutschland schon so viel gehört hatte: Ernest Renan und Hippolyte Taine. Er trifft diese Persönlichkeiten noch mehrmals, mit Michelet bleibt er überdies durch einen Briefwechsel verbunden. Darüber hinaus macht er die Bekannt-schaft des Dichters Villiers de l'lsle-Adam und Sainte-Beuves, der ihn zur Mitarbeit an der »Revue des deux mondes « auffordert. In dieser Zeitschrift, wenige Jahre zuvor anläßlich des legendären Tannhäuser-Skandals noch Organ heftiger Polemiken gegen Wag-ner, die dann die berühmte Replik Baudelaires herausforderten, veröffentlichte Schuré im April 1869 den Aufsatz »Richard Wag-ner et le drame musical«, mit dem er sich nun als die Kompetenz für Wagner in Frankreich etabliert. Dieser Aufsatz, Keimzelle seines Buches »Drame musical«, das ihn seit dieser Zeit zu beschäftigen beginnt, war das schönste Geburtstagsgeschenk, das er im folgenden Monat dem inzwischen nach Tribschen übergesiedelten Wagner mitbringen konnte.

Im Frühjahr 1870 lernt er durch Vermittlung Cosima Wagners deren in Paris lebende Mutter kennen, die Schriftstellerin Comtesse d'Agoult, eine hochkultivierte, sehr freie und umgängliche alte Dame. Sie war noch Zeugin des Pariser kulturellen Lebens früherer Jahrzehnte und dürfte vor dem wißbegierigen jungen Literaten die reichen Schätze ihrer Erinnerungen an Delacroix, Heine, Chopin, Paganini, Berlioz, Baudelaire, Alfred de Musset, Victor Hugo und andere ausgebreitet haben, vor allem wird sie ihm von Liszt, dem Vater Cosimas, und den mit ihm verbrach-ten Wanderjahren in Italien erzählt haben. Ihre Leitsterne waren Dante und vor allem Goethe. Seit diesem ersten Treffen, dem noch weitere sowie eine Reihe Briefe folgen sollten, bestand, trotz des großen Altersunterschieds, eine tiefe Verbundenheit zwischen beiden. Im Mai des gleichen Jahres reist er zur Hundertjahrfeier von Beethovens Geburtstag nach Weimar. Das Festkonzert, die Missa Solemnis von Beethoven, wird von Franz Liszt dirigiert, der Schuré »wie der Schatten Dantes« vorkommt und den er an-schließend besucht. Der Briefwechsel zwischen Schuré und Liszt ist leider verloren.

So sieht man den noch nicht dreißigjährigen Edouard Schuré am Vorabend des Krieges sich im Zentrum des geistigen Deutsch-land, überhaupt in engsten Kreisen des deutschen wie französischen kulturellen Lebens bewegen. Vor dem Krieg, für den er die Chauvinisten und »Säbelrassler« auf beiden Seiten, nicht zum wenigsten Napoleon III., verantwortlich macht, weicht er zunächst nach Genf aus. In einem langen Brief lädt ihn Richard Wag-ner zu sich nach Tribschen ein, »so lange, bis es entschieden wäre, daß Sie, nach zweihundert Jahren, wieder ein ganzer Deutscher sind . . . « Schurés Antwort sieht wie eine Trotzreaktion aus: »Ich fühle mich nun als Franzose mehr denn je, und weiß erst jetzt, was Frankreich für mich bedeutet...« Damit ist der ganze Konflikt bezeichnet, der sich im Zeichen des réveil national noch steigern und schließlich entladen sollte. Stoff dafür liegt allerdings auch darin, daß »die Mehrheit der Elsässer zwar französisches Staatsbewußtsein, aber alemannisches Stammesbewußtsein« (E. R. Cur-tius) hat. Doch Schuré verleugnet selbst dieses alemannische, d. h. germanische Stammesbewußtsein. Wagners »Teutonismus« hält er das Keltentum entgegen, das er mit dem Französischen an sich identifiziert. »In der keltischen Geisteskraft scheint in meinen Au-gen das Geheimnis Frankreichs zu liegen«, notiert er in sein Tagebuch, und: » Das war in mir der unverwundbare Punkt, wo Wag-ner nicht eindringen konnte. . . « (Zitiert nach CAMILLE SCHNEIDER: »Edouard Schuré. Seine Lebensbegegnungen mit Rudolf Steiner und Richard Wagner«, Freiburg 1971). Nicht eindringen konnte? - Tristan und Isolde, Lohengrin, Parsifal...

Für die nächsten drei Jahre ist der direkte Kontakt zu Richard Wagner unterbrochen. Schuré veröffentlicht in der Schweiz eine Schrift über »Das Elsaß und die preußischen Ansprüche«. In ihr gibt er die Schuld am Krieg nicht dem deutschen Volk, sondern dem preußischen Hegemoniestreben. Diese Schrift schickt er auch an Wagners. (Cosima hatte bereits am 4. September 1870 in ihr Tagebuch notiert: »Schuré entpuppt sich als fanatischer Franzose, und das in wahrem Gy-nasiasten-Stil.«). Cosima mokiert sich in einem Brief an Nietz-sche vom1I. Februar 1871 über diese »wüthende Brochüre« und konstatiert: »Sie stimmt leider mit manchen von Ihren Empfindungen über preußisches Wesen überein... Eines darin hat mich aber gerührt, er sagt: er vermißt das Deutschland von Goethe, Beethoven, Richard Wagner: so weit hat es noch kein Deutscher gebracht diese Namen zugleich zu nennen.« Richard Wagner selbst aber »ist davon nicht im mindesten gerührt, und ist empört über das Franzosentum eines Deutschen«. Thomas Mann wird später den aggressiven Nationalismus Wagners und dessen »gei-stige und auch moralische Depravation durch den Krieg« bekla-gen: »Das hilflos begeisterte Kapitulieren eines solchen Geistes vor den Geschichtstaten eines - übrigens in seiner Art ebenso raf-finierten - Staatskapitäns ist beschämend zu sehen. Welch ein Ver-derb für Kultur und Geist sind die Kriege!« (Brief an Willi Schuh vom 28. Juni 1936) Wagner kommt wenige Jahre später doch noch zur Besinnung, wie aus dem Tagebuch Cosimas hervorgeht. Am 7. Oktober 1878 notiert sie: »... unser Gespräch führt ihn zu der Beschämung, welche er C. Frantz und Schuré gegenüber empfindet, welche, der eine aus Kenntnis, der andere aus Instinkt, ge-wußt hätten, was aus dem deutschen Reich unter Preußens Lei-tung würde.« Und am 11 . Januar 1879: »Viel von den Franzosen, R. sagt: Er schäme sich, daß ihr Instinkt ihnen wahr betreffs der Deutschen gesagt hätte (z.B. Schuré) im Jahre 1870.« Ähnlich dann nochmals am 7. August 1879.

Die einzige deutsche Persönlichkeit, mit der Schuré damals Verbindung hatte, war Malwida von Meysenbug, die er zuvor in Paris kennengelernt hatte. Dieser europäisch-kosmopolitische Geist war in Deutschland ebenso »zuhause« wie in Frankreich, England (wo sie, als Beteiligte an der Revolution von 1848, eine Zeitlang im Exil lebte) und vor allem in Italien, wo sie zumeist lebte. Sie war mit Wagner, Nietzsche, Alexander Herzen (dessen beide Töchter sie adoptierte), Liszt, Mazzini, Gabriel Monod, Suarès befreundet und später als alte Dame in Rom noch die müt-terliche Beschützerin des jungen Lehrers Romain Rolland. Schuré charakterisiert sie in seinem Tagebuch als »eine der nobelsten Erscheinungen, der zu begegnen mir vergönnt war«. Auch sie stand in Opposition zum Krieg, überhaupt war ihr eine illusionslose Einschätzung von Welt und Menschheit eigen. Der Krieg wider- legt den Glauben »von uns armen Idealisten«, die Welt schreite in den Bahnen fort, die ihr Vernunft und Liebe gebieten. »Nein«, schreibt sie in ihrem Brief an Schuré vom November 1870, »das Wesen der Welt ist schrecklich und der Traum der vornehmen Geister verwirklicht sich nur in den Augenblicken der Begeisterung, in den Verklärungen der Kunst...«.(Zitiert aus Schurés Tagebuch nach A. MERCIER). Sie lädt ihn wiederholt nach Florenz ein, und Ende November 1871 tritt er endlich zusammen mit seiner Frau die Reise nach Italien an. Italien, das seit kürzester Zeit seine nationale Einheit errungen hatte, war ihm das gesegnete Land der Kunst, der Musik und des lateinischen Geistes. Malwida, die unermüdlich Kontakte stiftete und um deren Erhaltung bemüht war (1876 gelang es ihr allerdings nicht mehr, die Ent-fremdung Nietzsches von Richard Wagner rückgängig zu ma-chen, dafür traf jener sechs Jahre später in ihrem Salon in Rom Lou Salomé), führte Schuré bald darauf in den Salon der Griechin Marguerita Albana-Mignaty ein. Diese, 1821 in Korfu in die Patrizierfamilie der Albana geboren, hatte, früh verwaist, mit ihrem Stiefvater, dem englischen Gouverneur der Insel, als Zehnjährige Indien bereist und lebte dann, mit dem griechischen Maler Mi-gnaty verheiratet, viele Jahre in Italien, zunächst in Rom, dann in Florenz und Livorno. Zum Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft mit Schuré war sie fünfzig Jahre alt, Schuré selbst dreißig (in seinen später veröffentlichten Erinnerungen an sie macht er sie zehn Jahre jünger). Trotz des großen Altersunterschieds war es »Liebe auf den ersten Blick«, die in tieferen Schichten ihrer Persönlichkeiten gründete. »Durch augenblickliche magnetische Anziehung hatte uns der Blitz der allesbeherrschenden Liebe getroffen.« (Schuré) Fortan stand Schuré im Bann der geistig-erotischen Ausstrahlung dieser Frau, die ihm zur Muse seines weiteren Lebens und Schaf-fens wurde - nicht ohne gewisse Skrupel Schurés seiner treu zu ihm haltenden Gattin gegenüber, zu der er nach eigenem Bekunden in einem Verhältnis »wie Wilhelm Meister zu Mignon« stand. Doch in das Land, wo die Zitronen blühn, reiste er von nun an allein, um dort für mehrere Wochen im Jahr seine Muse zu treffen. Diese, von umfassender Kenntnis der griechischen Kultur und der italienischen Malerei und Literatur, schloß ihn für Italien und Griechenland auf.

Dies kam zunächst vor allem dem historischen Teil von Schurés Buch über Richard Wagner und das Musikdrama zugute, das eine ausführliche Ausarbeitung dessen werden sollte, was in seinem aufsehenerregenden Artikel in der »Revue des deux mondes« vom April 1869 im Keim angelegt war. Der erste Teil dieses Werks behandelt die Geschichte des Dramas, der Dichtung und der Mu-sik, beginnend mit der »Geburt der griechischen Tragödie aus den Mysterien und Geheimkulten«, vor allem derer von Eleusis, der Rolle Aischylos' und Sophokles', der griechischen Lyriker wie Pindar und Sappho - unter dem Gesichtspunkt der einstigen Ein-heit von Dichtung, Musik und Tanz. Weitere Kapitel gelten der Geschichte der Dichtung von Dante bis Goethe, der Geschichte der Musik von den alten Griechen bis Beethoven. Der zweite Teil ist ganz dem »Gesamtkunstwerk« Richard Wagners gewidmet, in dem Schuré schon damals die zeitgemäße Erneuerung der alten Mysterienspiele sah. Das alte griechische Mysteriendrama und Richard Wagners »Bühnenweihfestspiele« (der Parsifal war freilich noch nicht komponiert), diese beiden Schwerpunkte seines Werks hat Schuré als die Kulminationen des geistdurchdrungenen Musikdramas »bildhaft« hervorgehoben, indem er dem ersten Band eine Abbildung des griechischen Tempels (!) von Segesta und dem zweiten Band eine Abbildung des Bayreuther Festspielhauses voranstellte - zur besonderen Freude Friedrich Nietzsches übrigens, der dies bei seiner Erwähnung des Buches (in einem Brief an Carl von Gersdorff vom 21. Juli 1875) eigens betonte. Der achtundzwanzigjährige Musikkritiker und der fünfundzwan-zigjährige frischgekürte Baseler Philosophieprofessor hätten sich, wenn letzterer nicht dienstlich verhindert gewesen wäre, bereits im Mai 1869 bei der Geburtstagsfeier ihres sechsundfünfzigjährigen Meisters getroffen. So blieb es zunächst bei der durch Wagner vermittelten indirekten Bekanntschaft. Während seines folgenden Besuches in Tribschen wurde Nietzsche der Name Schuré durch die Berichte Wagners und den Artikel in der »Revue« ein Begriff: »Außerdem war noch ein geistreicher Elsässer geladen, der einen sehr bedeutenden ausführlichen Artikel über Wagner (in der revue des deux mondes im Aprilheft) verfaßt hat und zum propagateur Wagnerschen Geistes in Frankreich sehr geeignet ist. « (Brief an Gustav Krug vom 4. August 1869)

Zu Neujahr 1872, kurz nach Schurés Ankunft in Italien und seiner Bekanntschaft mit Marguerita, war Nietzsches »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« erschienen, die Schuré alsbald »mit Bewunderung« las und die einen bestimmenden Einfluß auf sein im Entstehen begriffenes Buch nahm. Schuré leugnet dies auch in seinen Briefen an Nietzsche (anders als in dem Nietzsche gewidmeten Kapitel seines dreißig Jahre später, 1904 erschie-nenen Buches »Précurseurs et révoltés« ) keineswegs. Bereits 1872 hatte Schuré von Florenz aus brieflichen Kontakt mit Nietz-sche aufgenommen (der im übrigen von Malwida von Meysen-bug über das Vorhaben ihres Schützlings bereits informiert war), dem dann im Juni 1873 endlich die erste persönliche Begegnung in Basel folgte. Sie war zwar durch eine Unpäßlichkeit Nietzsches beeinträchtigt, dennoch gewann Schuré einen »sehr vorteilhaften Eindruck« von ihm. Dieser ließ ihm in jenen Jahren als einem der wenigen jeweils seine »Unzeitgemäßen Betrachtungen« zukom-men - man war sich einig über das Philistertum von David Fried-rich Strauß, über Schopenhauer (den Schuré in dieser Zeit eifrig studierte) -, und wie wohltuend müssen Nietzsches berühmte Sätze aus der »1. Unzeitgemäßen Betrachtung« über die Reichs-gründung und den letztlich fatalen Sieg von 1870/71, gipfelnd in dem Wort von der »Exstirpation des deutschen Geistes zugun-sten des deutschen Reiches«, auf den patriotischen, im geistigen Deutschland beheimateten Elsässer gewirkt haben! Ende Mai 1875 ist es dann soweit: Schuré schickt sein »Drame musical« an Nietzsche: »Sie werden viel Bekanntes und wenig Neues darin finden. Auch soll es nicht als eine Erwiederung für Ihre letzte be-deutende Sendung oder für die seltenen [bedeutenden] Anregun-gen und Lichtblicke die ich Ihrer höchst merkwürdigen und au-ßerordentlichen Schrift über die griechische Tragödie verdanke, gelten. Nehmen Sie mein Buch, das in verschiedenen Umständen entstanden ist, und für ein ganz Anderes Publikum geschrieben wurde, nur als freundlichen Gruß und besten Dank. Und sollten Sie etwa in diesen Blättern ein dem Ihrigen verwandtes Streben entdecken, so wird es mich herzlich freuen.« Bereits nach seinem Besuch des Jahres 1873 hatte er ihm geschrieben: »Ich habe leider bei meinem Besuch in Basel die Zeit nicht gefunden Ihnen zu sa-gen, wie sehr ich Ihr kühnes, vollkommen originales und viel be-deutendes Buch über die Geburt der Tragödie schätze, wie sehr ich von seiner Tiefe und Schönheit ergriffen wurde.« Doch tut dies dem Wert seines Werks und der Originalität der Verarbeitung von Nietzsches Anregungen in der eigenen Produktion keinen Abbruch. Der »freudig überraschte« Nietzsche enthusiasmiert sich in einem Brief an Carl von Gersdorff vom 21. Juli 1875: »Und meine Geburt hat er verstanden und mitempfunden, daß es eine Lust ist, so frei und von innen her. « Und gegenüber Schuré selbst räumt er alle Bedenken aus, nachdem er zunächst den »grossen Rhythmus« des ganzen Buches gelobt hatte: »Wenn Sie einigen Gesichtspuncten meiner Schriften ihre innerste Theilnahme ge-schenkt haben sollten - Sie sind so gütig, dies in Brief und Buch anzudeuten - so habe ich in Ihrer Zustimmung und Ihrer frucht-bringenden Theilnahme einen Zweifel widerlegt gefunden, der mich nicht selten gequält hat; ob ich nicht mit der monologisirenden Art meiner Schriften mir das Beste entzogen habe, was ein Autor sich wünschen kann - Übertragbarkeit seiner Ansichten und Fortleben, Fortwachsen derselben in fremden Seelen.« (Brief vom 11. August 1875) Dem antwortet wiederum Schuré: »Die Befriedigung die Sie über mein Werk ausdrücken gehört zu dem erfreulichsten und bedeutendsten Lohn der mir geworden. Ich konnte ja kaum hoffen in Ihren Augen genug gethan zu haben, die Sie den Geist der griechischen Tragödie und dadurch das Wesen der griechischen Kultur und Kunst überhaupt in einer so merk-würdigen Weise durchdrungen. Zu dem Wunderland zu dem keine Brücke führt wie Schiller sagt haben Sie in der That einen neuen Schlüssel gefunden. In jenem Theile meiner Arbeit habe ich es gesucht ihn zu benutzen. Sie sind so freundlich darin eine glück-liche Wirkung Ihrer so originalen Schrift zu erblicken.« (Brief vom 16. September 1875)

Im September 1873 folgt Schuré einer erneuten Einladung Cosima Wagners, sich mit dem Meister wieder zu versöhnen, und reist zum ersten Mal nach Bayreuth, wo er, zusammen mit seiner Frau, herzlich aufgenommen wird und mehrere Tage in Gesell-schaft der Wagners und Malwida von Meysenbugs verbringt. Die Atmosphäre ist, was die Politik betrifft, immer noch gespannt, denn Wagner, der sich sogar darüber erregt, daß sich Cosima mit Schuré nach alter Gewohnheit französisch unter-hält, »verläßt eigentlich das Kapitel Frankreich und Deutschland nicht, ich habe eine peinliche Empfindung davon, namentlich für Schuré, der mir hier wie wehrlos erscheint« (Tagebuch vom 8. September 1873). Wagner zeigt ihm persönlich das im Bau be-findliche Festspielhaus, und während der Meister mit der Kompo-sition der Götterdämmerung beschäftigt ist, liest Schuré den Damen aus seinem (französischen) Manuskript des »Drame musical« vor und notiert für dessen Überarbeitung die zahlreichen Anmerkungen Cosimas, deren Kenntnisse und Geist ihn in Erstaunen versetzen. Kurz vor der Abreise - zunächst nach München, wo er Wagners Porträtisten Franz von Lenbach trifft und sich in der Pinako-thek die griechischen Landschaften von Carl Rottmann betrachtet - weiht ihn Wagner (wohl als ersten nach Cosima) in seinen gerade in großen Zügen skizzierten Plan zum Parsifal ein. »Das Ganze ist wie ein Zaubergarten voller Schrecken, Verführungen, Prozessionen, Einweihungen - aller Glanz der Mysterien von Eleusis, in die Welt des Rittertums übertragen..., von überra-schender Bedeutungstiefe«, schreibt er danach an Marguerita.

Drei Jahre darauf ist er wiederum in Bayreuth, zu den ersten Festspielen, nun als prominenter Verfasser des bis dahin bedeu-tendsten Werks über Wagner, das auch die Bewunderung des Königs gefunden hatte: »Das, was ich bis jetzt in Schuré's meisterhaft geschriebenem Werke über Sie, Großer, Erhabener, gelesen habe, hat mir sehrgroßen Genuß gewährt! nicht genug kann ich Ihnen für dessen Übersendung dankbar sein!« so Ludwig II. am 11. Januar 1876 an Richard Wagner. Und am 12. Juli des gleichen Jahres äußert er ihm gegenüber die Überzeugung, »daß kaum ein anderer Schriftsteller noch je so den Geist Ihrer unsterblichen Werke zu erfassen, so sich hineinzuleben verstanden« habe. Schuré trifft Malwida und Nietzsche wieder, mit dem er lange Gespräche führt, sowie den greisen Liszt, der ihm einiges Freundliche über sein Buch sagt. Dennoch bedeuteten diese so glanzvollen Tage auch eine gewisse Entfremdung Schurés vom Menschen Wagner, den er in seinen Briefen an Marguerita immer öfter einen »Dämon «, »Me-phisto« oder »Teufel« nennt, und von dem ganzen Kult und Tu-mult der »Wagner-Kirche« (église wagnerienne) überhaupt.

Viel radikaler trifft dies auch für Nietzsche zu, wenn auch aus ganz anderen Gründen und mit anderem Ausgang. Dieser hatte »schon im Sommer 1876, mitten in der Zeit der ersten Festspiele« für sich »von Wagner Abschied« genommen (»Nietzsche contra Wagner«). Bekanntlich fand schon wenige Wochen später die letzte Begegnung zwischen den beiden einander bereits Entfrem-deten in Sorrent statt. Nietzsche verzieh Wagner die Wendung zum christlichen Mysteriendrama des Parsifal nicht: »Richard Wagner, scheinbar der Siegreichste, in Wahrheit ein morsch gewordener verzweifelter décadent, sank plötzlich, hilflos und zer-brochen, vor dem christlichen Kreuze nieder...« (»Nietzsche contra Wagner«) Es läßt sich kaum ein größerer Gegensatz in der Einschätzung dieses tiefgründigsten von Wagners Werken denken als der zwischen Schuré und Nietzsche. Schuré hatte den tiefen Sinn von Richard Wagners Gestaltung des Gralsgeheimnisses er-spürt, und gerade in dieser inneren Einstellung zum Mysterien-hintergrund des Christentums trennten ihn Welten von Nietzsche. Daher blieb er auch dem Werk Richard Wagners immer ver-bunden und gab 1893 seine »Erinnerungen an Richard Wagner« heraus, während Nietzsche in den folgenden Jahren seine bekann-ten Anti-Wagner-Schriften veröffentlichte. Nach der gemeinsamen Rückreise Schurés, Nietzsches und Paul Rées von Bayreuth, von Nietzsche in einem Brief an die Schwester als »sehr ange-nehm« bezeichnet, war auch ihre Verbindung beendet. Wagner und sein Werk hatte sie verbunden. Dieses Band mußte nicht rei-ßen, es löste sich mangels weitergehender gemeinsamer Interes-sen. Von weiteren Kontakten ist nichts bekannt. Nietzsche bricht - sogar wörtlich - zu neuen Ufern auf, zur mediterranen Welt Italiens, und wird bald der einflußreichste und mißverstandenste Denker seiner Epoche, der Verfasser des »Zarathustra« und des »Antichrist«. Wagner stirbt wenige Jahre später, nach der Vollen-dung des Parsifal. Schuré hat Wagner nach 1876 nicht mehr gese-hen. Am 14. Dezember 1880 notiert Cosima in ihr Tagebuch eine Bemerkung Wagners, Schuré sei ihm »abhanden gekommen«.

Schuré wendet sich, zweifellos auch unter dem Eindruck der Bühnenwerke Wagners, deren tieferen Gehalt er wie kaum ein anderer damals erfaßte, den geistigen, esoterischen Wesensgründen in Geschichte und Kunst zu. Seine Muse Marguerita wird ihm nun wieder, oder vielleicht erst recht, zur Wegleiterin und Förde-rin. Diese »Okkultistin aus Einfühlung und Erfahrung« (Schuré über Marguerita nach C. Schneider) fördert das in ihm veranlagte Interesse für die übersinnliche Welt und die Mysterientraditionen der Menschheit. Zunächst knüpft er an seine Beschäftigung mit den Mysterien von Eleusis im »Drame musical« an und dichtet ein längeres Poem »La Nouvelle Eleusis« (Das Neue Eleusis), veröffentlicht in der »Nouvelle Revue« vom 15. August 1880 - eine »entscheidende Etappe hin zum Esoterischen« (A. Mercier).

Neben dem Drama »Melidona«, in dem das Motiv des Ewig--Weiblichen bereits eine erste Gestalt gewinnt, und einem Vercin-getorix-Drama sowie mehreren meist musik- und literaturkriti-schen Aufsätzen beschäftigt Schuré nun insbesondere religionsgeschichtliche und esoterische Lektüre, die sich in gelegentlichen Aufsätzen niederschlägt, etwa über Buddha und seine Legende, die Eingeweihten der Antike oder Krishna. Ein äußerer Umstand darf dabei nicht übersehen werden: »Es ist dies die Epoche, wo die Franzosen, stolz auf ihr Kolonialreich, sich für die Sitten, Künste und Religionen der Völker Afrikas und Asiens begeistern. Schuré hört seinem aus Indochina zurückgekehrten Freund Fuchs zu, wie dieser das Schauspiel der heiligen Tänze bei dem König von Kambodscha wiedererstehen läßt, die Götter des Ramayana und die Ruinen des Tempels von Angkor mit gigantischen Skulpturen« (A. Mercier). Ebenso verfolgt er die Berichte der Ägyptologen über die Pyramiden und liest begeistert die populärwissenschaftli-chen Romane des deutschen Ägyptologen Georg Ebers. Doch vor allem sind es deutsch- und englischsprachige Werke über Okkul-tismus und Geheimlehren, anhand derer sich Schuré die äußere Grundlage erarbeitet, auf der er dann aus eigener Intuition eine Wesensdarstellung großer Gestalten der indischen, ägyptischen, jüdischen und griechischen Kultur und Religion zu geben versucht.

Im Sommer 1883, wenige Monate nach Wagners Tod, ist Schuré ein weiteres Mal in Bayreuth, besucht Wagners frisches Grab und wohnt der ihn tief bewegenden Aufführung des Parsifal bei, mit dem er sich dann in Paris noch lange anhand eines Kla-vierauszugs beschäftigt. Im Frühjahr des folgenden Jahres, am 28. April, wird er durch die Wagnerianerin und Theosophin Emilie de Morsier bei der vor-übergehend in Paris weilenden Helena Petrowna Blavatsky einge-führt. Noch am gleichen Tag schildert er Marguerita seine fri-schen Eindrücke: »Madame de Morsier erhob sich und stellte mich einer alten, fremdartigen, häßlichen, beleibten Dame vor, von eher kalmückischem als arischem Typus, mit großen blaß-blauen Glotzaugen, die ich nicht besser zu charakterisieren wüßte, als sie ein slawisches Nilpferd zu nennen. In die Tiefe ihres Sessels zusammengekauert wie ein Dickwanst rührte sie sich kaum, um mir Guten Tag zu sagen, und sprach mit wenig sympathischer Stimme: Ah, was ist Ihr Land materialistisch! Mich verlangt es, von hier wieder abzureisen... Schließlich sagte das Nilpferd zu mir - Monsieur, rauchen Sie? - Nein, niemals - Das ist schade, es würde Sie vielleicht zum Theosophen machen - Ich bin es auf meine Weise, vielleicht... Ich ging und sagte mir, daß ich etwas sehr Komisches, sehr Seltsames und sehr Amüsantes gesehen habe.« (zitiert nach A. Mercier). Schurés Biograph bemerkt dazu: »Schuré sah Madame Blavatsky unablässig rauchen. Handelte es sich um Zigaretten aus indischem Hanf?« (A. Mercier). Zwanzig Jahre später steigert Schuré in seinem unveröffentlichten Aufsatz über »Madame Blavatsky und die theosophische Gesellschaft« diese Szene fast ins Mythische: »Ich gewahrte eine in einen Sessel gekauerte alte Frau, zusammengerafft in der Haltung eines wilden Tieres, das seine Beute bewacht. Ein bleiches und eckiges Gesicht, eingesetzt in einen Körper, der einem unförmigen Lumpenbün-del glich, ein häßliches und schrecklich unruhiges, ja - Hexenge-sicht ... In Gegenwart dieses mächtigen, aber meiner Natur anti-pathischen Wesens empfand ich einen augenblicklichen Wider-willen und eine völlige Auflehnung.« (zitiert nach A. Mercier) Trotzdem trat er bald darauf der Theosophischen Gesellschaft bei.

Im Herbst des gleichen Jahres kam ihm während seiner Studien in der Nationalbibliothek zu Florenz »blitzartig« der Plan, seine diversen Vorstudien auszuarbeiten und zu dem Werk der »Großen Eingeweihten« zu bündeln. Marguerita unterstützte ihn dabei un-ermüdlich, und ihre Teilnahme und Inspiration hat bedeutenden Anteil an dem Zustandekommen dieses Buches. Doch erlebte sie dessen Erscheinen nicht mehr. Sie starb im September 1887.

Als die »Grands Initiés« (Großen Eingeweihten) 1889 erschie-nen, im Jahr der großen Weltausstellung, diesem glanzvollen Fe-stival des materialistischen Fortschrittsglaubens, und der Vollen-dung des hypermodernen Eiffelturms, Wahrzeichen vor allem ei-ner neuen Zeit der technischen Zivilisation, hatte sich das Le-bensumfeld Schurés tiefgreifend verändert: Wagner und Mignaty waren nicht mehr unter den Lebenden, und mit dem nunmehr umnachteten Nietzsche hatte er schon lange keinen Kontakt mehr. Mit diesem Buch betrat er eine völlig neue Welt.

In acht Kapiteln über große Persönlichkeiten der Mythen-, Re-ligions- und Geistesgeschichte, von Rama über Krishna, Hermes, Mose, Orpheus, Pythagoras und Plato bis zu Jesus (wobei freilich eine Anzahl ebenso bedeutender Gestalten fehlt: Buddha, Lao Tse, Zarathustra, Mani usw. ), versucht Schuré eine Religionsge-schichte vom Gesichtspunkt des Einweihungsprinzips. Er ist sich selbst völlig darüber im klaren, daß er damit in schärfstem Gegen-satz zum damals herrschenden Zeitgeist steht: »Der ewigen Hori-zonte bar, ist ein großer Teil der Jugend untergetaucht in das, was seine neuen Lehrer den Naturalismus nennen, damit den schönen Namen der Natur herabwürdigend. Denn was sie mit diesem Na-men schmücken, ist nichts als die Apologie der niederen Instinkte, der Schmutz des Lasters oder die gefällige Ausmalung unserer so-zialen Flachheiten; mit einem Worte, die systematische Vernei-nung der Seele und des Geistes. Und die arme Psyche, die ihre Flügel verloren hat, stöhnt und seufzt seltsam im Innersten selbst derjenigen, die sie schmähen und verleugnen. Materialismus, Po-sitivismus und Skeptizismus haben am Ende des Jahrhunderts ei-nen falschen Begriff von der Wahrheit und dem Fortschritt heran-gebildet.« (Schuré, Vorwort zu den »Großen Eingeweihten«) Dies ist vor allem auf die das Feld beherrschende französische Phi-losophie und Literatur gemünzt: den Positivismus Comtes und Taines, die einseitig auf das Gewöhnlich-Menschliche einer mor-schen Gesellschaft beschränkte Romanliteratur eines Balzac und Zola, vor allem des letzteren »naturalistische« Detailversessen-heit, eben die »Comédie humaine «, die »Rougon-Macquart«, die »Nana«, die literarisch gewiß sehr eindrucksvolle, minutiös ge-schilderte »menschliche Komödie« als einziges großes Rätsel des Daseins. Einer ganz anderen Welt gehört dagegen Schurés Buch an. Schuré »spricht zu solchen Seelen, welche die Blicke sehnend erheben wollen zu den großen Wegweisern der menschlichen In-tuitionen, um sich mit den Ideen zu erfüllen, die im geschichtli-chen Werden zur Offenbarung gekommen sind und die in jedem Menscheninnern die Ahnung erwecken können von Lösungen der Daseinsrätsel«. So Rudolf Steiner in seinem Vorwort zur zweiten deutschen Auflage. Dennoch war das Buch ein (bis heute anhaltender) beachtlicher Erfolg und erlebte bis zur Jahrhundert-wende mehrere Auflagen - Indiz für den janusgesichtigen Charakter jener Epoche als »Zeitenwende «.

Genauso ambivalent war auch die Aufnahme des Buches. Man muß bedenken, in welches kulturelle Milieu dieses Buch des be-kannten Wagner-»Propagateurs« geriet. Denn das Paris der Jahr-hundertwende, des fin de siècle ist auch die Kapitale der Décadence und der Décadents, in der der schwülstige Symbolismus eines Gustave Moreau (in der Malerei) und eines Joris-Karl Huys-mans (in der Literatur) ebenso en vogue ist wie etwa das bizarre Salon-Rosenkreuzertum um Sâr Peladan. Und Wagnerianer waren sie alle. Eine Pilgerfahrt nach Bayreuth war fast ein »Muß«; man war Kenner wie Huysmans' Des Esseintes und »hörte in verzückter Lust den Tannhäuser« oder den Lohengrin wie Oscar Wildes Dorian Gray. Zwar begeisterte sich ein Dichter wie Stéphane Mallarmé in einem seiner Briefe an Schuré über »dieses große Bad des Geistes, in dem sich die wenigen absoluten Säulen des Tempels der Menschheit widerspiegeln«, doch war er zu sehr reiner Ästhet, um die eigentliche Ambition Schurés zu erfassen. Im gan-zen war die Aufnahme des Buches noch begrenzter und oberfläch-licher: »Es waren vor allem die Ästheten, die Träumer, die Maler, die Aristokraten, die seinen Appell aufgriffen. Manche von ihnen - Agnostiker - wurden bald durch die Großen Eingeweihten zur Religion geführt. Andere suchten dort Motive, Ausschmückung, gewisse Figuren und Symbole, um ihre Ausdruckswelt zu berei-chern. Eine ganze Themenwelt hält durch dieses Werk in die Lite-ratur und die bildende Kunst Einzug: die Sphinx, die Isis, Eleusis, Persephone, Bacchanten, Monster, Vampire, Gorgonen und Harpyen. Eine Bildwelt, eine Phantasmagorie, deren - so zahlreiche - Nachkommenschaft den Intuitionen ihres Schöpfers entgleitet. Die Symbolisten, die Décadents, die Idealisten nach 1890 berau-schen sich an den Großen Eingeweihten wie an einem schweren und zu Kopfe steigenden, etwas altmodischen Parfum, das man wie einen Talisman hütet, obgleich man es manchmal verleug-net.« (A. Mercier) Der Erfolg des Buches in diesen exotik-süchti-gen Kreisen war aufs Ganze gesehen wohl eher ein großes Mißverständnis. Denn Schurés Anliegen war eine Erneuerung auf den Gebieten der Religion, Wissenschaft und Kunst aus dem Geist. Auch ein Okkultist wie Papus, der sich mehrfach brieflich an Schuré wandte, hatte nicht das Format, dessen Wurf fruchtbrin-gend aufzugreifen, ebensowenig der Philosoph Bergson, der ebenfalls in Briefkontakt mit Schuré stand. Lediglich der Jesuiten-pater Teilhard de Chardin hat Jahre später, während seines Einsatzes an der Kriegsfront im Elsaß, das Buch wenigstens insoweit ernst genommen, als er es jenseits von allem Symbolismus auf seine Qualitäten hinsichtlich einer spirituellen Vertiefung des Christentums befragt, »ohne das Dogma zu entstellen«. Seine Haltung bleibt zwiespältig, wie aus den Briefen an seine Nichte zwischen dem 4. November und 13. Dezember 1918 hervorgeht. Die Einleitung (»Einführung in die Esoterische Lehre«) »begei-stert« ihn, das Kapitel »Rama« hingegen erscheint ihm »entsetz-lich phantastisch und wissenschaftlich mehr als veraltet«. Einerseits ist ihm das Buch »ein starkes Tonikum für den Geist« und »regt Gefühl und Denken in der Ordnung der Wirklichkeiten an«, andererseits bedauert er, daß Schuré so ein »Phantast« ist. So be-reitet ihm das Buch »ein unermeßliches, ziemlich komplexes Ver-gnügen ..., Freude, einem Geist zu begegnen, der meinem eigenen nahe verwandt ist - geistigen Auftrieb bei der Berührung mit einer Seele, die die Welt leidenschaftlich liebt - Befriedigung über die Feststellung, daß die Fragen, die mich vor allem beschäftigen, wohl die sind, die das innerste Leben der Menschheit beseelt haben - Vergnügen, zu sehen, daß meine Lösungsversuche im gro-ßen und ganzen vollkommen den Ansichten der großen Eingeweihten entsprechen ...«, trotz deren »groben perspektivischen Verzerrungen«. Gerade dieser Mängel wegen läßt es ihn »doppelt meine Kraft spüren«. Immerhin war das Buch von signifikantem Einfluß auf die Selbstfindung dieses bedeutenden »häretischen« Denkers der Menschheitszukunft.

Davon abgesehen wurden die Intentionen Schurés im Grunde erst in Deutschland verstanden. Bereits 1897, also noch vor der Übersetzung des Buches ins Deutsche, erschien in den Bayreuther Blättern der von Ludwig Schemann verfaßte »schönste Artikel, der jemals über die Großen Eingeweihten geschrieben worden ist« (Schuré). Im Spätsommer des Jahres 1900, wenige Wochen nach Nietzsches Tod, erhält Schuré aus einem entfernten Ostseebad den Brief einer begeisterten Leserin seiner »Großen Einge-weihten« und seiner in diesem Jahr erschienenen esoterischen Dramen »Les enfants de Luzifer« (Die Kinder des Luzifer) und »La sœur gardienne« (Die Seelenhüterin), des ersten Teils seines Projekts »Theater der Seele «. Die dreiunddreißigjährige Deutsch--Baltin Marie von Sivers aus Petersburg bittet ihn in diesem, Schuré ob seines perfekten Französisch in Erstaunen versetzenden Brief auch gleich, die »Kinder des Luzifer« ins Deutsche übertra-gen zu dürfen. Damit begann eine äußerst folgenreiche Korre-spondenz. Denn der fast sechzigjährige Dichter, um den es schon etwas still geworden war und der nicht hoffen konnte, daß seine »unzeitgemäßen« Bühnenwerke je aufgeführt würden, erlaubte ihr nicht nur die Übersetzung, sondern wies die suchende junge Frau auf ihre Anfrage auch auf die theosophische Bewegung hin, der er selbst angehörte. Somit lernte sie bald in Berlin Rudolf Stei-ner kennen, der dort gerade seine ersten Gastvorträge (er war selbst nicht Mitglied) in der Theosophischen Loge hielt. Zwei Jahre später war sie bereits Mitarbeiterin Rudolf Steiners in der Leitung des Sekretariats der deutschen Sektion der Theosophi-schen - ab 1912 Anthroposophischen - Gesellschaft. Damit wa-ren die Weichen gestellt für die immense, die Grenzen der physi-schen Kräfte oft überschreitende Tätigkeit im Dienst des Aufbaus und der Entfaltung der anthroposophischen Bewegung.

Die mit Arbeit und Sorgen immer überladene Marie von Sivers hielt den Kontakt mit Schuré stets aufrecht. Ihr gemeinsames Wirken mit Rudolf Steiner sollte bald auch für Schuré selbst folgen-reich, lebenswendend werden. Nicht nur übersetzte sie nach den »Kindern des Luzifer« auch seine »Großen Eingeweihten« und sein 1898 entstandenes »Sanctuaires d'Orient« (Heiligtümer des Orients) und erschloß ihm damit, vor allem mit den »Großen Eingeweihten«, ein neues und großes Publikum (Rudolf Steiner schrieb zu den ersten drei Auflagen des noch heute vielgelesenen Buches Vorworte), zudem sorgte sie auch für die Aufführung sei-ner »Kinder des Luzifer« und seines »Heiligen Dramas von Eleu-sis« (Bestandteil der »Heiligtümer des Orients«) im Rahmen der ab 1907 in München stattfindenden theosophischen Festveranstal-tungen. Die erste persönliche Begegnung Schurés mit Rudolf Steiner und Marie von Sivers fand im Juni 1906 in Paris statt. Die Persönlichkeit Rudolf Steiners »mit den Augen, die ein Wissen von unendlichen Tiefen und Höhen der spirituellen Entwicklung verrieten«, machte einen »erschütternden Eindruck« auf ihn. »Zum allerersten Male war ich gewiß, einen Eingeweihten vor mir zu haben. Lange hatte ich im Geiste mit den Eingeweihten des Altertums gelebt, deren Geschichte und Entwicklung ich habe aufzeichnen dürfen. Und hier stand nun endlich einer vor mir auf dem physischen Plane.« (zitiert nach C. Schneider)

Man traf sich im September des gleichen Jahres für eine Woche im Landhaus der Schurés in Barr am Fuß des Odilienberges im Elsaß wieder. In diesen Tagen hatten Schuré und Steiner Zeit für eingehende und intensive Gespräche, wobei auf esoterischem Gebiet der Fünfundsechzigjährige der Schüler des zwanzig Jahre Jüngeren war. Hier hatte er endlich jemanden, der ihm seine zahl-reichen Fragen, mit denen er seit langem in Paris einsam ble-ben mußte, beantworten konnte, der dem sich in geistige Tatsachen mittels der Phantasie einfühlenden Dichter (als solcher wollte Schuré immer gesehen werden) seine Wissenschaft vom Geist als Fundament geben konnte. Andererseits dürfte auch Schuré sei-nem neuen Meister einiges Interessante zu erzählen gehabt haben: vor allem über Richard Wagner (über den esoterischen Gehalt von dessen Werken hatte Steiner bereits Vorträge gehalten), aber auch über Nietzsche, den Steiner nur noch als Umnachteten gesehen und über den er bereits 1895 ein Buch veröffentlicht hatte, über seine Muse Marguerita Albana-Mignaty, die Kunstzentren Florenz und Rom (die Steiner bis dahin noch nicht kannte), seine Reise nach Griechenland, Ägypten und Palästina... Es wurde der Plan gefaßt, im folgenden Jahr während des theosophischen Kongresses in München Schurés »Heiliges Drama von Eleusis« aufzu-führen. Dazu ist es dann auch gekommen, trotz mancher widriger Umstände, von denen die Briefe Marie von Sivers (die selbst die Demeter spielte) an Schuré aus dieser Zeit beredtes Zeugnis able-gen. Schuré konnte aufgrund eines Mißverständnisses nicht an-wesend sein. Der Saal war nach Rudolf Steiners Angaben künstlerisch gestaltet worden - Keimzelle des späteren Goetheanums. Zwei Jahre später wurden »Die Kinder des Luzifer« uraufgeführt (wiederum wirkte Marie von Sivers mit), umrahmt von Rudolf Steiners Vortragszyklus »Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi«. Dieses Anliegen von Rudolf Steiner und Marie von Sivers, »das spirituelle Leben fortan nicht ohne das Künstlerische in der Gesellschaft zu lassen« (R. Steiner, »Mein Lebensgang « ), war etwas völlig Neues, Unge-wohntes. Und darin hatte Schuré vorgearbeitet; in diesem Punkt sahen Rudolf Steiner und Marie von Sivers bei allen Unzuläng-lichkeiten die eigentliche Leistung Schurés. Wer diese Dramen nur unter dem Gesichtspunkt des rein Professionell-Künstlerischen betrachtete, mochte sie vielleicht »unkünstlerisch wie ein Öl-druck« (Margarita Woloschin) empfinden.

Im Sommer 1911 kam es dann, diesmal in Anwesenheit von Schuré, zur erneuten Aufführung des Eleusis-Dramas, umrahmt von dem die griechische Mysterienreligion behandelnden Zyklus »Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen«. -Zweifellos eine große Zeit, ein nicht mehr erhoffter Lebenshöh-punkt für den Siebzigjährigen, der seine geistigen und künstlerischen Intentionen in seinem Lebensabend erfüllt sah.

Auch in den folgenden Jahren riß der Kontakt zu Rudolf Steiner und Marie von Sivers nicht ab. Im August1912 wurde erneut das »Heilige Drama von Eleusis« in München aufgeführt; im Okto-ber traf man sich wiederum, wenn auch nur für zwei Tage, in Barr. Im Mai 1913 war Steiner wieder in Paris und hat bei dieser Gelegenheit höchstwahrscheinlich Schuré getroffen. Im Juni sollte Schurés »Sœur gardienne« (Die Seelenhüterin) aufgeführt werden. Obwohl die Übersetzung von Marie von Sivers noch nicht abgeschlossen war, hatten die Proben schon begonnen, auch die Ankündigung war schon gedruckt. Die Aufführung ist dann doch nicht zustandegekommen. Steiner wollte das Stück unbe-dingt in diesem Jahr noch aufgeführt sehen, wohl wissend... Ende Mai 1914 war Steiner wiederum in Paris und besuchte nun mit Schuré die Kathedrale von Chartres. Im September 1913 war in Dornach der Grundstein zum Goetheanum gelegt worden, um bald über eine eigene und geeignete Stätte für die Pflege des spiri-tuellen und künstlerischen Lebens zu verfügen, speziell einen Rah-men für die Aufführung der Mysteriendramen.

Doch über der aufopferungsvollen Aufbauarbeit dieses Frie-denswerks brach der Krieg aus, entlud sich der angestaute Haß zwischen Frankreich und Deutschland, prallten der französische Revanchismus und die verblendete arrogante Großmachtpolitik des Reiches unter Führung des unseligen Wilhelm Il. aufeinander. Es ist nicht ohne Zeichencharakter, daß Rudolf Steiner und Marie von Sivers am 1. August 1914, am Vorabend der Kriegserklärung, in Bayreuth an einer Aufführung des Parsifal teilnahmen, dann die Nacht hindurch in größter Hektik in die Schweiz zurückfuhren und buchstäblich als letzte über die Schweizer Grenze (man hielt sie für Bayreuther Künstler) nach Dornach gelangten, wo das Goetheanum von freiwilligen Helfern aus vielen Ländern erbaut wurde. Schuré selbst hat (Camille Schneider gegenüber) auf diese Konstellation hingedeutet: »Ein neues Bayreuth wird in Dornach in der Schweiz vorbereitet, ein Tempel und zugleich eine Hoch-schule ..., eine neue Weltanschauung durch die Offenbarung der zukünftigen und transzendenten Kunst.« Es wäre vielleicht Schu-rés Aufgabe seiner letzten Jahre und Krönung seines Lebenswerks gewesen, gewissermaßen einen dritten Band seines »Drame mu-sical« zu schreiben, in dem der Goetheanum-Impuls, das neue Mysterientheater zur Darstellung gekommen wäre. Denn hier war, zumindest in der Anlage, erfüllt, was Bayreuth versagt blieb: kein konventionelles »Festspielhaus«, sondern eine auf neuen geistigen Grundlagen erbaute Tempel-Bühne, die neuen Mysterien-dramen Rudolf Steiners und die neue Bewegungskunst der Eu-rythmie, eine kultische Bühnensprache, neue Impulse für das Schauspiel. So wie dem ersten Band von Schurés »Drame musi-cal« die Abbildung eines griechischen Tempels, dem zweiten das Bayreuther Festspielhaus, so wäre dem dritten Band eine Abbil-dung des Goetheanums vorangesetzt gewesen. Doch gehört es zur Tragik der Persönlichkeit Schurés, daß er, der Übersetzer von Richard Wagners Ring des Nibelungen, Nietzsches »Zarathustra« und Rudolf Steiners »Das Christentum als mystische Tatsache«, der wie kein anderer berufen war, diesen »Menschheitsbau« und was durch ihn in die Welt ausstrahlen sollte darzustellen, es nicht vermochte, den alten Adam des französischen Nationalisten abzu-legen. Statt seine Aufgabe im Dienst dieser weit in die Zukunft der Menschheit weisenden, von ihm im Grunde zeitlebens ersehnten neuen Bewegung zu erkennen und zu ergreifen, fiel er in die alten Schützengräben nationaler Animositäten zurück.

Schuré, »im Grunde und seinem Wesen nach Nationalist« (C. Schneider), war, spätestens seit das Elsaß ab 1870 wieder unter deutscher Herrschaft stand, profranzösischer Eiferer und seit 1882 Mitglied der »Ligue des Patriotes« (Patriotischen Liga). Das hin-derte ihn jedoch nicht am intensiven Kontakt mit den Kreisen um Richard Wagner, Nietzsche, Malwida von Meysenbug und ande-ren. Und noch1903 notierte er den modernen »europäischen« Satz in sein Tagebuch: »Wenn Europa sich jemals frei und födera-listisch konstituiert, wird es dem Elsaß seine Rolle als Interpret und Bindeglied zwischen den beiden Ländern zurückgeben, wel-che ihm Geographie und Geschichte beimessen.« Doch 191O sieht er (in einem Brief an Gustave Kahn) die Zukunft Europas einsei-tig durch den »Verfall kultureller Werte in Deutschland« bedroht. Er, der im Gegensatz zu einem großen Teil der Bevölkerung und seiner eigenen Verwandtschaft unter der Tatsache litt, daß das El-saß nun wieder zu Deutschland gehörte, war in allen Fragen des Verhältnisses von französischer und deutscher Politik, Kultur und Sprache schon immer sehr empfindlich und wurde darin mit zunehmendem Alter immer fanatischer. Im Januar 1914 veröffentlichte er einen Artikel, »Le Pangermanisme et la France«, in dem er, für ihn programmatisch, vor dem angeblich drohenden »Pangermanismus« (schon dies ein verräterisch chauvinistisches Kampfwort) warnte. Diesem Pangermanismus, den er durchaus auch geistig-kulturell als Inkarnation des Barbarischen, Kulturlo-sen verstand, setzte er das »Keltentum« Frankreichs entgegen, gewissermaßen als Hort und Garant alles Guten, Wahren und Schö-nen. Dieser Antagonismus von »barbarischem« Pangermanismus und strahlendem Keltentum (um dessen spirituelle Dimen-sion er allerdings auch wußte) wurde bei ihm mehr und mehr zur Obsession. »Der Chauvinismus lebte in ihm als Leidenschaft, so leidenschaftlich wie es nur bei einem zum Franzosen gewordenen Deutschen sein kann, der mit allen Kräften der Seele und deut-scher Gründlichkeit das Adoptivland, das Wahlland umschließt. Er wollte sich während des Krieges von allen deutschen Schlacken der Abstammung und des geistigen Eintretens reinigen. Er verlor in dieser zur innern Frage gewordenen Seelenverfassung jedes Maß.« (C. Schneider) In einem Brief von Ende März 1916 an die langjährige Freundin, Übersetzerin seiner Werke, Inauguratorin der Aufführungen seiner Dramen und Vermittlerin zu Rudolf Steiner bezichtigte er Marie Steiner als »tadellose Preußin«, als Agentin des Pangermanismus mit »geheimen Absichten«, ihn zum »Werkzeug des Deutschtums im Elsaß« zu machen usw. Bei Rudolf Steiner, dessen im Jahr zuvor erschienene Broschüre »Ge-danken während der Zeit des Krieges - Für Deutsche und diejeni-gen, die nicht glauben, sie hassen zu müssen « der Anlaß für Schu-rés Brief und Lossagung war, glaubte er einen »Abgrund zwi-schen dem Denker und dem Seher von einst und dem verblende-ten Politiker von heute« festzustellen. Damit erklärte er seinen Austritt aus der Anthroposophischen Gesellschaft, die das »Ziel einer allgemeinen Germanisation« verfolge. Er unterstellte somit Marie und Rudolf Steiner den politischen Fanatismus, dem er selbst erlegen war.

Neben den in ihm selbst liegenden Voraussetzungen (u. a. sein cholerisches Temperament), die zu diesem Absturz führten, darf die für Schurés fatale politische Entwicklung wesentlich mitver-antwortliche Gestalt des einflußreichen Schriftstellers Maurice Barrès, des »Schöpfers des modernen französischen Nationalis-mus« (E.R. Curtius), nicht übersehen werden. Der Lothringer Barrès (1862 - 1923) war in seiner Jugend entscheidend von der Literatur und Philosophie des deutschen Idealismus geprägt wor-den: Kant, Hegel, Schopenhauer, vor allem aber Fichte, darüber hinaus Goethe und Richard Wagner. Über den mit ihm befreun-deten Okkultisten Guaita bestanden Kontakte zu Edouard Schuré. Barrès zitierte Schuré bereits 1886 in einem Aufsatz über die »Ästhetik der Zukunft«, schrieb ihm 1898 einen begeisterten Brief über dessen »Heiligtümer des Orients«, dem 1904 ein weite-rer mit dem Schlußsatz folgte: »Erlauben Sie mir, mich Ihren Be-wunderer und Freund zu nennen.« Während des Dreyfus-Prozesses stand er auf der Seite der erbitterten Dreyfus-Gegner, der Re-aktion. Seit dieser Zeit entstanden seine chauvinistischen, anti-deutschen Romane, von denen besonders »Au service de l'Alle-magne« (In deutschen Heeresdiensten) von 1905 und »Colette Baudoche« von 1909 hervorzuheben sind. Hier zeichnet Barrès ein haßerfülltes Zerrbild des Deutschen, verklärt das Französisch--Lateinische als einzigen Garant der Kultur und spielt es gegen das plumpe, unzivilisierte, barbarische Teutonentum aus. Der bedeu-tende deutsche Romanist Ernst Robert Curtius, ein angesehener Wissenschaftler und selbst Elsässer, charakterisiert diese Mach-werke Barrès', dem er bescheinigt, »mit den gröbsten Tricks der Hetzpresse« zu arbeiten: »Die beiden Romane von den Bastio-nen des Ostens [ein Barrèsscher Ausdruck] gaben den Ton an, auf den sich die französische Hetzliteratur gegen Deutschland schon in den letzten Jahren vor dem Kriege zu stimmen begann. Sie haben dem Verleumdungsfeldzug gegen Deutschland kräftig vorgearbeitet. Sie gipfelten in einer Anstachelung der Revanche-Lei-denschaft.« In diesem Zusammenhang schreibt er auch: »Wir glauben, daß es in Frankreich selbst noch Männer mit freiem und gebildetem Geist gibt, die die kulturvergleichende Methode von Barrès als das erkennen, was sie ist: ein kindisches Geschwätz und ein Zeichen des intellektuellen und moralischen Niedergangs eines Geistes, den das Gift des Nationalismus zersetzt hat.« (»Mau-rice Barrès und die geistigen Grundlagen des französischen Natio-nalismus«) Leider gehörte Schuré damals nicht zu diesen Män-nern, sondern pries in einem Brief an die langjährige Freundin Louise Ott diese »Lektion von Patriotismus« (Barrès' Buch »Au service de l'Allemagne«) als »seriös und bescheiden«, wechselte freundschaftliche Briefe mit Barrès, dessen »Vereinigung von Ge-danke und Tat« er bewundert, und schrieb einen lobenden Artikel über ihn. Der politische Fanatismus Schurés vor und während des Ersten Weltkriegs trägt bis in Einzelheiten deutlich die Züge des Barrèsschen Chauvinismus.

Es blieb einer anderen Persönlichkeit »mit freiem und gebilde-tem Geist« vorbehalten, im Taumel des nationalistischen Hasses die Stimme der Vernunft zu vertreten: dem aus dem mittelfranzö-sischen Clamecy stammenden Schriftsteller Romain Rolland. Als junger Lehrer war er in Rom in engem Kontakt mit der betagten Malwida von Meysenbug gestanden, die ihn mit der deutschen Geisteswelt, der Dichtung, Philosophie und Musik, insbesondere Goethe, Beethoven und Wagner, bekannt machte und ihn auch in Bayreuth einführte. Bereits 1892 hatte er Schuré kennengelernt, blieb ihm gegenüber jedoch reserviert. In der Dreyfus-Affäre (die er in dem Drama »Die Wölfe« behandelt) nahm er für den zu Unrecht Verurteilten Partei. Er schrieb später u. a. eine weitver-breitete Beethoven-Biographie und den Roman der deutsch-französischen Versöhnung: »Johann Christof«, gewissermaßen der Gegenwurf zu Barrès' Hetzromanen. Umso mehr enttäuschte ihn die Haltung eines Großteils der deutschen Schriftsteller und Intellektuellen. Als er in seinem berühmten Brief an Gerhart Haupt-mann fragte: »Seid Ihr die Söhne Goethes oder Attilas ?« entfachte er damit einen Sturm der Entrüstung. Die Deutschen lasen dar-aus, er bezeichne sie als die Söhne Attilas, die Franzosen nahmen ihm übel, er bezeichne die Deutschen als Söhne Goethes. Vor allem Maurice Barrès tat sich in maßlosen Angriffen gegen Rolland hervor. Dieser stand nun plötzlich zwischen den Fronten der Fanatiker, als »einer der weißen Raben intra et extra muros, die nicht im Kriege den Rückfall in die Psychologie der Neandertal-Zeit mitgemacht haben« (Rosa Luxemburg an Hans Diefenbach am 27. 8. 1917). 1916 wurde sein Versöhnungswerk mit dem Litera-turnobelpreis ausgezeichnet.

Zurück zu Schuré. Nach dem Krieg, als das Elsaß nun endlich wieder französisch geworden war und er den Triumph des »Rechtes über die Stärke« auskosten konnte, veröffentlichte er zunächst zwei weitere Bücher in Verherrlichung des romanischen bzw. keltischen Geistes: die »Prophètes de la Renaissance« und »L'Ame celtique et le Génie de la France à travers les Ages « (Die keltische Seele und Frankreichs Genius im Laufe der Jahrhunderte). Damit hatte sich seine von politisch-patriotischen Leidenschaften aufge-wühlte Seele beruhigt, und es muß ihm nun das ganze Ausmaß seiner Verblendung gegenüber Marie und Rudolf Steiner in seiner Seele aufgestiegen sein. Als der Grund für seinen sehr diesseitigen, vordergründigen Kampf beseitigt war, muß er eine quälende gei-stige Leere verspürt haben, der eine »geistige Reue« (Schuré) folgte. Der einzige Ausweg war die Versöhnung mit Marie und Rudolf Steiner. Im September 1922 kam Schuré zur »Französi-schen Woche« nach Dornach, wurde von Rudolf Steiner empfan-gen und bat diesen um Verzeihung, die er auch ohne Zögern erhielt. Marie Steiner konnte sich damals dazu noch nicht entschließen. Wenige Wochen später, am 2. Oktober, schrieb er an Marguerite Syamour: »Ich habe meinen früheren okkulten Meister in voll-kommener Herzlichkeit wiedergefunden, der mir in keiner Weise meinen Bruch des Jahres 1916 nachtrug und einfach sagte Schön, daß Sie gekommen sind. Es gab keine weiteren Erklärungen, und das ist großartig... Was den Tempel betrifft, der seine Philosophie plastisch symbolisieren und darstellen soll, so gibt es da viel germanische Schwerfälligkeit und schlechten Geschmack in den Details, aber das Ganze ist von grandioser Konzeption, und das Innere (eine Rotunde mit 14 riesigen Holzsäulen) ist ergreifend.«

Im Jahr 1925 ließ Schuré seine schon 1907 fertiggestellte Über-setzung von Steiners »Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums« erscheinen, drei Jahre später, ein Jahr vor seinem Tod, die Zusammenfassung der (nicht mitstenographierten) Pariser Vorträge Rudolf Steiners von 1906 sowie seine Lebenserinnerungen »Le Rêve d'une vie« (Der Traum eines Lebens). Seine Begegnung mit Rudolf Steiner sollte einem eigenen Band vorbehalten sein. Über dieser Arbeit starb Schuré, des-sen packendstes Werk das Drama seines Lebens war, achtundachtzigjährig am 7. April 1929.

Edouard Schuré und die Kunst seiner Zeit

Bekanntschaften Schurés mit zeitgenössischen französischen Komponisten sind für die berühmte Wagner-Autorität naheliegend. Er hatte Umgang u. a. mit Camille Saint-Saëns, Vincent d'Indy und Gabriel Fauré, der Schuré im Jahr 1877 vergeblich um das Libretto für ein Musikdrama bat. Über das Verhältnis Schurés zur bildenden Kunst seiner Zeit ist dagegen wenig bekannt; die meisten privaten Aufzeichnungen sind noch unveröffentlicht. So wissen wir nicht, wie er, vom Symbolismus abgesehen, über die zeitgenössische Malerei dachte, die sich in anderen Stadtvierteln von Paris abspielte. Immerhin besuchte er 1882 den offiziellen »Salon«, wo er eine Landschaft von Puvis de Chavannes bewunderte. Wir wissen nichts darüber, ob er auch den »Salon des Indé-pendents « besuchte, was er von den Impressionisten hielt, ob er etwas von Cézanne wußte (etwa die erste große Ausstellung von 1906 besucht hat) oder von van Gogh, Gauguin (falls ihm nicht Paul Sérusier und Emile Bernard, die er 1893 in Florenz traf, etwas von ihnen erzählt haben), geschweige denn von den Fauves, den Kubisten, Matisse, Picasso... Zu Rodin, den er gelegentlich von ferne sah, nicht in näheren Kontakt getreten zu sein, hat er später bedauert. So beschränkte sich der Kontakt Schurés mit der Kunst seiner Zeit praktisch auf die Symbolisten im weiteren Sinne.

Ab 1895 ist ein markanter Eindruck der Kunst Gustave Mo-reaus auf Schuré zu bemerken, der bei dem Sammler Charles Hayem die damals vollständigste Moreau-Kollektion studieren konnte. Wie stark diese Gemälde auf ihn wirkten, beweisen die nicht weniger als 20 Seiten Aufzeichnungen, die er den dort gesehenen Werken Moreaus in seinem unveröffentlichten Manuskript »Paysages et impressions d'art« widmete. Er vergleicht den er-schütternden Eindruck der Werke Moreaus mit denen Richard Wagners. Schurés 1897 erschienener Roman »L'Ange et la Sphinge« (Der Engel und die Sphinx) ist deutlich von Moreau beeinflußt. 1900 und 1902 veröffentlichte Schuré, der zeitlebens keinen direkten Kontakt zu Moreau unterhielt, zwei Zeitschrif-tenartikel über ihn, die er dann 1904 dem Buch »Précurseurs et révoltés« (Vorläufer und Auflehner) integrierte. Zwar war er nicht der erste, der über Moreau schrieb, doch hat er ihn, den er insbesondere als Erneuerer der alten Mythen feierte, als erster tief-gründig im Licht der Esoterik zu deuten versucht. Im übrigen ergaben sich die Berührungen mit zeitgenössischen Künstlern aus dem Einfluß seiner schriftstellerischen Werke, insbesondere der »Großen Eingeweihten«. Schon früher, 1877, hatte ihm der Maler Fantin-Latour, ein glühender Wagner-Verehrer, drei Radierungen mit Motiven nach Werken Wagners (Die Heraufrufung der Erda durch Wotan, Die drei Rheintöchter und Das Innere des Venusberges) geschenkt, die er »chic« fand. Im Zusammenhang des Erfolgs der »Großen Eingeweihten« in Künstlerkreisen bald nach ihrem Er-scheinen sind vor allem zwei namhafte Maler zu nennen: Paul Sé-rusier und Odilon Redon. Der von Gauguin und der Schule von Pont-Aven stark beein-flußte Paul Sérusier gründete 1889, also im Erscheinungsjahr der »Großen Eingeweihten«, in Paris die Künstlergruppe der Nabis (hebräisch: die »Erleuchteten«). Gegen die naturalistische, auflö-sende Tendenz des Impressionismus stellten die Angehörigen die-ser Gruppe (außer Sérusier Maurice Denis, Pierre Bonnard, Paul Ranson, Edouard Vuillard, G. Lacombe, Jan Verkade, der sich nach seinem Eintritt ins Kloster der Beuroner Schule anschließen wird, später Felix Valloton und Aristide Maillol, der damals noch malte) ihre Malerei der Bedeutung, des Symbolgehalts, des Ausdrucks und der kraftvollen Farbe. Schurés »Große Eingeweihten« wurden durch den von diesem Buch völlig durchdrungenen Sérusier zur »wahrhaften Bibel der Nabis«, und Sérusier selbst zum »Apostel Schurés bei seinen Kameraden «. (ANNE HUMBERT: »Les Nabis et leur époque«, zitiert nach A. Mercier.) In einer Serie von drei Gemälden hat er Szenen aus Schurés »Krishna«-Kapitel dargestellt: Die Töchter Nandas, Die Meditation des Mouni Vasishta, Sieg Krishnas über die Drachen-Schlange, darüber hinaus das Gemälde Die Mysterien von Eleusis nach dem »Plato«-Kapitel. Auch andere Nabis waren mehr oder weniger von Schurés Buch beeinflußt. So schuf Paul Ranson das Bild Rama nach dem gleichnamigen Kapitel ihrer »Bibel«.

Im Frühjahr 1892 sollte Schurés fünfaktiges Drama »Vercin-getorix« in einem Künstlertheater im kleinen Kreis aufgeführt werden. Paul Sérusier entwarf dazu das Bühnenbild. Indes kam es nur zur zweimaligen Aufführung von zwei Akten. An dem Bühnenbild war noch ein weiterer Maler beteiligt: Odilon Redon. Redon, der ebenfalls unter dem Eindruck Schurés stand (auch Wagners, wie u. a. sein Gemälde Parsifal zeigt) und mit ihm Briefe wechselte, steuerte die Gestalt einer Druidin bei, woraus später ein selbständiges Gemälde entstand (Druidesse). Auch Redons Gestaltung des Orpheus-Themas, das Gemälde Orpheus in der Unterwelt, ist von Schurés gleichnamigem Kapitel zumindest mit-beeinflußt. Orpheus war damals überhaupt ein beliebtes Thema der Kunst - die Auswirkungen reichen bis zu Cocteaus Film »Orphée«. In sein Tagebuch notierte Redon über Schuré: »Junge Seele in alterslosem Körper - und viel Religiosität. Er ist char-mant.« (zitiert nach A. Mercier) Weniger bekannte, doch ebenfalls nachweislich durch Schuré beeinflußte französische bzw. belgische Künstler sind Jean Delville, Carlos Schwabe, Emile Fabry. Bedeutender dagegen ist der Böhme Frantisek Kupka, der sich 1896 in Paris niederließ und schon zuvor deutlich esoterisch-theosophisch orientiert war. Spätestens in Paris dürfte er auch das Buch Schurés kennengelernt haben, doch war es für ihn, der so weitgehend wie wenige Künstler außer ihm mit fast allen Formen und Richtungen des Okkultismus vertraut war, wohl nur eine Quelle unter vielen. Auch die hol-ländischen Symbolisten wie Toorop und van Eden lasen Schuré, doch war der Einfluß ihres Landsmannes, des Esoterikers Schoen-maekers, wohl unmittelbarer. Piet Mondrian, der sich tief mit der Theosophie verbunden und auch Vorträge Rudolf Steiners gehört hatte, war ebenfalls mit den »Großen Eingeweihten« vertraut. Im Jahr 1912/13, als er in Paris seine abstrakte Malerei entwickelte, die er als eine »rein theosophische Kunst (im wahrsten Sinn)« verstan-den wissen wollte, wohnte er nur wenige Straßen von Schuré ent-fernt. Noch im Jahr 1934 schrieb er seinem Freund und Biographen Michel Seuphor: »In meiner Arbeit bin ich etwas, aber verglichen mit den Großen Eingeweihten bin ich nichts.«

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